Die erste Zeremonie


Die erste Zeremonie ist bei mir sehr spontan entstanden.

Es war nichts lange Geplantes.
Keine Vorbereitung im klassischen Sinn.
Eher eine Situation, die sich ergeben hat.

Wir waren eine Gruppe von etwa acht Personen.
Die meisten kamen aus dem Dorf oder der Umgebung.
Ich war zusammen mit Silvan aus der Schweiz der einzige Ausländer.

Für einige war es nicht das erste Mal.
Für andere schon.



Der Abend begann ruhig.

Wir saßen zusammen auf der Terrasse, haben Tee getrunken, ein Feuer gemacht, geredet, gelacht.
Es war entspannt. Kein besonderer Aufbau, kein „Jetzt beginnt gleich etwas Großes“.
Einfach ein Zusammensitzen.

Mapacho wurde geraucht.
Es wurde ein bisschen gesungen.

Man hat sich ausgetauscht, ohne große Erwartungen.
Der Schamane war die ganze Zeit dabei, aber nicht in einer Rolle, die sich besonders hervorgehoben hat.

Irgendwann hat er sich umgezogen.

Und dann war klar, dass es losgeht.



Wir sind in den Tempel gegangen.

Jeder hatte seinen Platz.
Kissen lagen bereit, daneben Tücher und ein Eimer.

Das Licht war gedämpft, hauptsächlich Kerzen.
Der Raum war einfach.

Der Schamane stand am Altar, hat mit Mapacho gearbeitet, das Ayahuasca gesegnet, gebetet und etwas erklärt.
Auf Spanisch.

Ich habe nur einen Teil verstanden.



Dann wurde das Ayahuasca verteilt.

Jeder bekam seinen Becher.

Wir haben gemeinsam getrunken.

Und danach wurde es still.



Die ersten fünfzehn bis zwanzig Minuten passierte nicht viel.
Dann begann sich die Wahrnehmung zu verändern.

Mit geschlossenen Augen tauchten Bilder auf.
Farben, Muster, geometrische Formen.

Das war mir nicht komplett fremd.
Ich kannte ähnliche Zustände von LSD oder Psilocybin.

Aber hier war es anders.



Ich saß da, mit offenen Augen.

Der Blick leicht nach oben gerichtet, vielleicht dreißig Grad.
Nicht wirklich fokussiert auf etwas Bestimmtes, eher nach innen gerichtet.

Und gleichzeitig nahm ich wahr, was im Raum geschah.



Am Boden des Tempels begann sich etwas zu bewegen.

Keine klaren Formen.
Eher dunkle, graue Schatten.

Wie ein Nebel, der sich sammelt.

Ein Meer aus Bewegung, das sich langsam über den Boden ausbreitet.

Nicht hektisch.
Nicht bedrohlich im klassischen Sinn.

Aber deutlich.



In diesem Zustand kamen Gedanken dazu.

Dass sich hier etwas löst.
Dass Dinge den Körper verlassen.

Wie Tiere.
Wie etwas, das vorher gebunden war und sich jetzt bewegt.

Ich habe das nicht hinterfragt.
Es war einfach da.



Gleichzeitig begann der Schamane zu arbeiten.

Er sang.

Ikaros.

Der Gesang hatte eine Struktur, aber auch etwas Freies.
Er bewegte sich durch den Raum.

Dazu kamen die Geräusche der Palmfächer.

Ein gleichmäßiges Rauschen, rhythmisch, fast wie Flügelschläge.

In diesem Zustand hat es sich für mich angehört,
als würde ein großer Vogel durch den Raum fliegen.



Ich habe ihn nicht direkt angeschaut.

Und trotzdem war da dieses Bild.

Eine Silhouette.

Ein Vogel, der sich bewegt.

Leicht, schnell, präsent.



Er ging von Person zu Person.

Stand vor ihnen.
Sang.
Tanzte.

Teilweise minutenlang.

Es hatte nichts Auffälliges im äußeren Sinn.
Und gleichzeitig war spürbar, dass dort etwas passiert.



Der Raum blieb lebendig.

Das Zirpen der Insekten draußen.
Das Surren der Nacht.

Geräusche aus dem Wald, die nicht aufhören.

Und mitten darin diese Bewegung im Raum.



Später habe ich verstanden, dass eines seiner zentralen Bilder der Kolibri ist.
Sein Lieblingslied, seine Verbindung.

In dem Moment wusste ich das nicht.

Ich habe es nur wahrgenommen.



Der Körper reagierte.

Übelkeit kam.
Bei mir, bei anderen.

Erbrechen war Teil davon.
Zwischendurch verließen Menschen den Raum.
Man hörte Schritte auf dem Holz, Stimmen draußen, Würgen, Atmen.

Dann wieder Stille.



Die Zeremonie hatte keinen festen Ablauf, den man greifen konnte.

Phasen von Ruhe.
Dann wieder Gesang.
Dann Bewegung.

Zigaretten glimmten im Dunkeln auf.
Kleine Lichtpunkte, die kurz sichtbar wurden.

Manche weinten.
Manche lachten.
Manche lagen einfach da.



Nach zwei oder drei Stunden wurde es ruhiger.

Die Intensität ließ nach.

Das Licht wurde wieder etwas heller.

Menschen setzten sich zusammen.
Leise Gespräche.
Flüstern.

Es roch nach Mapacho.
Nach Acqua de Florida.
Nach Rauch.



Der Schamane erklärte irgendwann, dass die Zeremonie beendet ist.

Aber es fühlte sich nicht wie ein Ende an.

Eher wie ein langsames Zurückkommen.



Und genau in dieser Phase ist dann die Geschichte mit der Raupe passiert.