Umgang mit Identität verändert sich, wenn Identität nicht mehr als fester Kern verstanden wird, sondern als Struktur, die sich aus Erfahrung, Erinnerung und Interpretation zusammensetzt. Das, was als „Ich“ erlebt wird, erscheint stabil und zusammenhängend, ist jedoch das Ergebnis fortlaufender Zuordnung. Eigenschaften, Rollen und Selbstbilder werden miteinander verknüpft und als Einheit wahrgenommen, obwohl sie sich im Laufe der Zeit verändern.
Ein wesentlicher Aspekt ist die Identifikation mit bestimmten Inhalten. Gedanken, Emotionen und Erfahrungen werden als Teil des eigenen Selbst interpretiert. Daraus entsteht der Eindruck, dass das, was gedacht oder gefühlt wird, das eigene Wesen definiert. Wird diese Zuordnung hinterfragt, zeigt sich, dass all diese Inhalte beobachtet werden können und somit nicht mit dem Beobachter identisch sind.
Die Vorstellung mehrerer innerer Anteile entsteht häufig aus widersprüchlichen Gedanken und Impulsen. Es scheint, als gäbe es unterschiedliche „Seiten“, die miteinander im Konflikt stehen. Tatsächlich handelt es sich um verschiedene Inhalte, die gleichzeitig auftreten. Die Wahrnehmung von innerer Spaltung entsteht durch den Versuch, diese Inhalte zu einer eindeutigen Identität zusammenzuführen.
Identität erfüllt eine funktionale Rolle. Sie ermöglicht Orientierung, Kontinuität und soziale Einordnung. Ohne eine Form von Selbstzuordnung würde Erfahrung fragmentiert wirken. Gleichzeitig kann die Annahme einer festen Identität zu einer Einschränkung führen, wenn Veränderungen nicht mehr zugelassen werden.
Der Umgang mit Identität besteht daher nicht darin, sie aufzulösen oder zu ersetzen, sondern darin, sie als veränderliche Struktur zu erkennen. Sie kann genutzt werden, ohne als unveränderlich angenommen zu werden. Dadurch bleibt ihre orientierende Funktion erhalten, ohne dass sie das gesamte Erleben festlegt.