Schmerz


Als der Schmerz plötzlich eine Stimme bekam

Es gibt Erfahrungen, die sich erst Jahre später richtig einordnen lassen. Diese Geschichte gehört für mich dazu. Sie war weder geplant noch das Ergebnis einer bestimmten Technik oder eines spirituellen Ziels. Ich wollte kein Trauma finden und keine verdrängten Erinnerungen aufdecken. Ich lag einfach im Bett und meditierte. Was dann geschah, hat meinen Blick auf Gefühle, den Körper und den Umgang mit Schmerz bis heute verändert.

Im Frühjahr und Sommer 2021 begann ich regelmäßig zu meditieren. Besonders faszinierte mich der Moment kurz vor dem Einschlafen. Es gibt eine Phase, in der der Körper bereits beginnt loszulassen, während das Bewusstsein noch wach bleibt. Hände und Füße beginnen zu kribbeln, der Atem wird ruhiger und der Verstand tritt zunehmend in den Hintergrund. Ich nutzte diese Zeit häufig für einen langsamen Bodyscan. Meine Aufmerksamkeit wanderte von den Füßen bis zum Kopf, ohne etwas verändern zu wollen. Ich beobachtete einfach, was gerade da war.

In dieser Zeit begleiteten mich unter anderem die Vorträge von Robert Betz. Seine Gedanken über Gefühle, Annahme und Selbstverantwortung haben mich damals tief bewegt. Die Idee, dass unangenehme Gefühle nicht bekämpft, sondern zunächst wahrgenommen werden wollen, wurde zu einer Haltung, die ich in meine Meditationen mitnahm.

An einem Abend lag ich wieder in Shavasana auf dem Rücken und führte diesen Bodyscan durch. Alles fühlte sich ruhig an, bis plötzlich ein deutlicher Schmerz im linken Unterarm auftauchte, kurz unterhalb des Ellenbogens. Ich hatte mich nicht verletzt, nichts bewegt und auch nicht nach diesem Schmerz gesucht. Er war einfach da.

Mein erster Impuls hätte sein können, die Position zu verändern oder die Meditation zu beenden. Stattdessen entschied ich mich zu bleiben. Ich richtete meine Aufmerksamkeit vollständig auf den Schmerz. Ich versuchte nicht, ihn wegzuatmen oder zu analysieren. Ich beobachtete ihn lediglich. Innerlich sprach ich sogar mit ihm und bedankte mich dafür, dass er sich zeigte. Das mag ungewöhnlich klingen, aber in diesem Moment fühlte es sich vollkommen natürlich an. Ich wollte zum ersten Mal nicht vor einem unangenehmen Gefühl fliehen, sondern ihm zuhören.

Wie lange dieser Zustand anhielt, kann ich heute nicht mehr sagen. Vielleicht zehn Minuten, vielleicht eine Viertelstunde. Irgendwann verschwand der Schmerz von selbst. Unmittelbar danach geschah etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

Fast gleichzeitig tauchte eine Erinnerung aus meiner Kindheit auf. Ich war ungefähr zehn oder zwölf Jahre alt und sammelte damals Überraschungsei-Figuren. Auf dem Flohmarkt lernte ich eine Frau kennen, die ebenfalls sammelte und mich zu sich nach Hause einladen wollte, um gemeinsam ihre Sammlung anzuschauen. Für mich war selbstverständlich, dass ich alleine hingehen würde. Meine Mutter entschied jedoch, mich zu begleiten.

Heute erscheint diese Situation unscheinbar. Damals muss sie jedoch eine tiefere Bedeutung für mich gehabt haben. Ich erinnere mich weniger an den eigentlichen Besuch als an das Gefühl davor. Ich widersprach nicht. Ich setzte keine Grenze. Ich wollte keinen Konflikt eingehen und riskierte lieber meine eigene Selbstständigkeit, als die Zuneigung meiner Mutter infrage zu stellen.

Gleichzeitig hörte ich ihre Stimme in meinem Inneren. Nicht als wörtliche Erinnerung, sondern als eine Sammlung von Überzeugungen, die ich offenbar über viele Jahre verinnerlicht hatte: Dass ich Dinge nicht alleine könne. Dass man auf mich aufpassen müsse. Dass ich Schutz brauche. Ob diese Sätze jemals genau so ausgesprochen wurden, spielt für mich heute keine entscheidende Rolle. Entscheidend war, dass sie genau so in mir gespeichert waren.

Dann kamen die Tränen.

Nicht, weil ich mich dazu entschied zu weinen, sondern weil sie einfach da waren. Es fühlte sich an, als würde sich etwas lösen, das lange keinen Raum gehabt hatte.

Bis heute weiß ich nicht mit Sicherheit, was damals genau passiert ist. Ich kann nicht behaupten, dass sich ein Trauma „gelöst“ hat, und ich kenne auch keinen wissenschaftlichen Begriff, der dieses Erlebnis eindeutig beschreibt. Vielleicht wurden Erinnerungen neu verarbeitet. Vielleicht löste sich über Jahre aufgebaute emotionale Spannung. Vielleicht war es eine Kombination verschiedener psychologischer Prozesse.

Was ich jedoch mit Sicherheit sagen kann, ist Folgendes: Zuerst war da ein intensiver körperlicher Schmerz. Danach tauchten Erinnerungen auf. Dann kamen innere Überzeugungen an die Oberfläche. Schließlich folgten starke Emotionen und Tränen. Als alles vorbei war, fühlte sich etwas in mir leichter an. Dieses Erlebnis veränderte meinen Umgang mit Gefühlen nachhaltig. Seitdem versuche ich, unangenehmen Empfindungen nicht sofort auszuweichen, sondern ihnen zunächst aufmerksam zu begegnen. Nicht jede Körperempfindung verbirgt eine Botschaft, und nicht hinter jedem Schmerz steckt ein Trauma. Aber ich habe gelernt, dass Widerstand oft mehr Kraft kostet als neugieriges Hinschauen.

Einige Zeit später entschied ich mich deshalb, meinen linken Arm tätowieren zu lassen. Das Tattoo erinnert mich nicht an den Schmerz selbst, sondern an den Moment, in dem ich aufgehört habe, gegen mein eigenes Erleben anzukämpfen. Es steht für Chaos und Ordnung, für Verletzlichkeit und Heilung, für die Erkenntnis, dass Veränderung manchmal genau dort beginnt, wo man den Mut findet, einfach dazubleiben.

Damals experimentierte ich mit bewusstseinsverändernden Substanzen, darunter Cannabis und zeitweise auch Amphetamin. Rückblickend möchte ich das weder romantisieren noch empfehlen. Im Gegenteil: Die eigentliche Erkenntnis entstand für mich nicht durch die Substanzen selbst, sondern durch die Entscheidung, vor den auftauchenden Gefühlen nicht mehr wegzulaufen. Die Mittel waren nicht die Heilung – sie bildeten lediglich den Rahmen einer Erfahrung, deren Bedeutung ich erst Jahre später verstand.