Vipassana Erfahrung


Dies ist mein persönlicher Erfahrungsbericht über einen zehntägigen Vipassana-Kurs in Lumbini, Nepal. Der Text beschreibt meine Wahrnehmung, meine Körpererfahrung, meine inneren Reaktionen und meine späteren Schlussfolgerungen. Einige Aussagen sind konkrete Erinnerung, andere sind Deutung, Theorie oder offene Frage. Genau diese Unterscheidung ist mir wichtig.


Vom 1. bis 11. März 2026 nahm ich in Lumbini in Nepal an einem zehntägigen Vipassana-Kurs nach S. N. Goenka teil. Lumbini ist der Geburtsort Buddhas, nahe der indischen Grenze. Schon dadurch lag über dieser Erfahrung eine besondere Atmosphäre. Gleichzeitig war der Kurs selbst alles andere als romantisch. Zehn Tage Schweigen. Zehn Tage ohne Handy, Bücher, Notizen, Schreiben, Gespräche oder Ablenkung. Zehn Tage mit einem streng geregelten Tagesablauf, festen Plätzen, einfachen Mahlzeiten, klaren Regeln und vielen Stunden Meditation. Ich reiste damals mit einem Freund an. Für mich wurde diese gemeinsame Anreise später selbst Teil der Erfahrung, weil sich an ihm etwas zeigte, das in Wahrheit auch mit mir zu tun hatte.

Rückblickend war dieser Kurs keine plötzliche spirituelle Offenbarung. Er war eine intensive Schule der Wahrnehmung. Vieles, was dort geübt und erklärt wurde, war mir auf meinem eigenen Weg bereits vertraut: Körperempfindungen beobachten, Schmerz nicht sofort wegdrücken, Gefühle wahrnehmen, Gedanken als Gedanken erkennen, die Stimme im Kopf nicht für die ganze Wahrheit halten. Vipassana gab diesen Erfahrungen einen Namen, eine Struktur und eine enorme Konsequenz. Der Kurs hat mein Weltbild nicht umgestürzt. Er hat es verdichtet, geprüft und an einigen Stellen schärfer gemacht.

Die äußeren Bedingungen

Der Tag begann sehr früh. Gegen vier Uhr wurde der Körper aus dem Schlaf geholt, ab halb fünf gesessen. Ab fünf Uhr hörte ich täglich aus einem benachbarten buddhistischen Zentrum Gebete oder Rezitationen. Lumbini besteht nicht nur aus einem Ort, sondern aus vielen spirituellen Zentren, Tempeln und Klöstern. Diese Geräusche gehörten zu dieser Umgebung dazu. Ansonsten war es erstaunlich still. Wenig Verkehr, wenig äußere Bewegung, wenig Ablenkung. Die Hitze war deutlich. Wäsche wurde von Hand in einem Eimer mit etwas Seife gewaschen und draußen aufgehängt, wo sie in der Sonne sehr schnell trocknete. Das Essen war schlicht. Die Räume waren einfach. Die Stühle waren einfache Plastikstühle. Das Gelände war klein und wirkte an manchen Stellen noch unfertig, weil es gerade erweitert wurde.

Jeder Teilnehmer hatte einen festen Platz im Meditationssaal und auch einen festen Platz im Speisesaal. Es gab klare Trennung zwischen Männern und Frauen. Es wurde nicht gesprochen. Blickkontakt sollte vermieden werden. Alles war auf Reduktion ausgerichtet. Im Vergleich zu meiner späteren Server-Erfahrung im Dhamma Sampatti im Schwarzwald wirkte Lumbini auf mich deutlich strenger, einfacher und härter. In Deutschland war vieles geordneter, komfortabler, dichter besetzt und organisatorisch westlicher. In Nepal war mehr Raum in der Meditationshalle, aber die Bedingungen waren einfacher. Mehr Hitze. Mehr Improvisation. Mehr Rohheit. Weniger Komfort. Genau diese Schlichtheit war Teil der Erfahrung.

Regeln, Strenge und der Wunsch, alles richtig zu machen

Die Regeln wurden ernst genommen. Für mich entstand manchmal fast das Bild eines Sheriffs der Stille. Der Lehrer war furchtbar freundlich, lächelte viel und wirkte menschlich zugewandt, sprach aber nur schwer verständliches Englisch. Gleichzeitig achteten er und der Assistenzlehrer sehr genau auf die Einhaltung der Regeln. Als er sah, dass ich noch buddhistische Bändchen oder Gebetsfäden am Handgelenk trug, wurden sie mir mit einer Rasierklinge abgeschnitten. Das war kein dramatischer Akt, aber es war deutlich. Keine Symbole, keine persönlichen Gegenstände, keine religiösen Marker, keine äußeren Identifikationen. Alles sollte reduziert werden.

Ich nahm die Regeln sehr ernst. Auch die fünf Sila, also die ethischen Grundregeln, wollte ich wirklich einhalten. Als in meinem Zimmer Schnaken oder Moskitos auftauchten, wollte ich sie nicht töten. Das Schutzgitter im Oberlicht war defekt, einmal blieb meine Tür offen, und so kamen Tiere hinein. Es gab zwar eine Moskitohülle über dem Bett, aber das Geräusch war trotzdem da. Also fing ich die Schnaken und brachte sie lebendig vor die Tür. Das klingt klein, aber in einem solchen Kurs wird genau so etwas groß. Töte ich ein Tier, nur weil es mich stört? Oder halte ich den Impuls aus und suche eine andere Lösung? Auch darin zeigte sich Vipassana: Nicht sofort reagieren. Wahrnehmen. Einen Moment schaffen, bevor Handlung geschieht.

Sprache, Goenka und das Nicht-Verstehen

Ein weiterer Teil der Erfahrung war Sprache. Die abendlichen Diskurse von S. N. Goenka liefen auf Englisch, teilweise mit Begriffen, die ich damals nicht sicher verstand. Dazu kamen Hindi, Gesänge und Rezitationen. Während Frühstück und Mittagessen war Goenkas Gesang über Lautsprecher zu hören. Die Glocke strukturierte den Tag. Irgendwann wurde sie zu einem Signal, das nicht nur Orientierung gab, sondern auch innerlich etwas auslöste: Es geht schon wieder weiter. Wieder hinsetzen. Wieder beobachten. Wieder durchhalten.

Das Nicht-Verstehen war schwierig. Normalerweise hätte ich ein Wort recherchiert, übersetzt, eingeordnet, nachgelesen. Genau das war nicht möglich. Zehn Tage lang gab es kein Handy, kein Wörterbuch, keine Notizen, keine Recherche. Der Verstand bekam keine gewohnten Werkzeuge. Er konnte nicht schnell nachschauen, was gemeint war. Er musste mit Lücken leben. Auch das war Teil der Praxis. Nicht alles sofort klären. Nicht alles kontrollieren. Nicht jeden Begriff besitzen. Etwas hören, vielleicht nicht vollständig verstehen, und trotzdem weiter beobachten.

Sitzen, Schmerz und Aushalten

Das lange Sitzen war anstrengend. Sehr anstrengend. Der Körper meldete sich immer wieder. Rücken, Beine, Schultern, Nacken, Unruhe, Druck, Müdigkeit, Schmerz. Gerade zu Beginn ging es nicht um feine spirituelle Empfindungen, sondern um den sehr konkreten Wunsch, anders zu sitzen, aufzustehen, sich hinzulegen oder den Körper zu entlasten. Ich ließ mir Zeit, wenn Pausen kamen. Ich stand so lange wie möglich. Ich ging langsam. Ich nutzte jeden Moment, in dem ich nicht sitzen musste. Später war ich froh, wenn ich auf einem Stuhl sitzen durfte. Es ging nicht darum, heroisch zu sein. Es ging darum, zu sehen, was geschieht, wenn der Körper begrenzt wird und der Verstand nicht sofort ausweichen kann.

Besonders eindrücklich waren Schmerzen im unteren Rücken. Ich beobachtete sie, blieb bei ihnen, und manchmal veränderten sie sich. Es fühlte sich an, als würden sie nach oben wandern, über die Schulter abfließen oder sich in andere Bereiche verschieben. Ob das physiologisch, energetisch, psychisch oder durch Aufmerksamkeit erzeugt war, kann ich nicht beweisen. Aber ich konnte beobachten: Schmerz war nicht statisch. Er hatte Bewegung. Er veränderte seine Form. Er veränderte seinen Ort. Er veränderte seine Intensität. Später, im Schwarzwald, bemerkte ich stärker den Nacken. Manchmal denke ich: Vielleicht wandert etwas. Vielleicht zeigt sich dasselbe Thema an einer anderen Stelle. Aber das bleibt Deutung. Die Erfahrung selbst ist: Der Körper spricht. Die Aufmerksamkeit verändert mein Verhältnis zu dem, was er zeigt.

Die Freude an der Meditationszelle

Ein wichtiger Moment war die Nutzung der Meditationszellen. Die große Halle hatte viel Platz, aber sie war trotzdem ein gemeinsamer Raum. Menschen atmen, schnaufen, bewegen sich, stehen auf, setzen sich, schlucken, schmatzen vielleicht, kämpfen mit sich selbst. Auch ohne Sprache ist ein Raum voller Menschen nicht still. In der Meditationszelle war das anders. Dort war ich allein. Kein sichtbarer Nachbar. Weniger Geräusche. Weniger soziale Reize. Ich konnte mich anlehnen, zurückziehen, tiefer in die eigene Wahrnehmung fallen. Diese Zellen empfand ich als Geschenk.

Ich merkte dort, wie stark mich andere Menschen selbst in der Stille beeinflussen. Nicht einmal durch Worte, sondern durch Geräusche, Bewegungen, Präsenz, Nähe. In der Zelle wurde deutlicher, was wirklich mein eigener Prozess war und was durch den Raum mit anderen angestoßen wurde. Gleichzeitig zeigte genau das eine wichtige Grenze: Ich kann nicht erwarten, dass die Welt still ist, damit ich still werde. Die Meditationszelle war kostbar, aber sie war auch ein Sonderraum. Der Alltag ist keine Meditationszelle. Genau diese Erkenntnis wurde später wichtig für meine Texte über Vipassana und Alltag.

Schlaf, Träume und der versinkende Verstand

Ich war oft müde. Die frühe Struktur, das viele Sitzen, die Hitze und die innere Arbeit wirkten zusammen. Wenn ich zurück ins Zimmer durfte, war das manchmal ein großes Glück. Hinlegen. Schlaf nachholen. Kurz aus dem Meditationsdruck heraus. Gleichzeitig wurde das Träumen intensiv. In diesen zehn Tagen träumte ich viel und stark, konnte aber nichts aufschreiben. Das war ungewohnt. Normalerweise hätte ich Notizen gemacht, Bedeutungen gesucht, Verbindungen hergestellt. Dort blieb nur die Erfahrung selbst. Träume kamen. Träume gingen. Der Verstand wollte festhalten, aber er durfte nicht.

Auch während der Meditation zeigte sich der Verstand deutlich. Manchmal vergaß er den Körper. Er sank in sich selbst hinein. Tagträume entstanden. Gedankenketten liefen. Plötzlich war eine Stunde vorbei, obwohl ich eigentlich beobachten wollte. Das war aufschlussreich. Der Verstand kann nicht nur laut und aktiv sein. Er kann auch leise abtauchen und dabei den Körper verlassen. Dann sieht es von außen vielleicht aus wie Meditation, innerlich ist es aber eher ein Versinken in Gedanken, Bildern und Halbschlaf. Gerade daran wurde mir klar: Sitzen allein ist noch keine Beobachtung. Entscheidend ist, ob Wahrnehmung wirklich wach bleibt.

Zeitgefühl

Das Zeitgefühl im Kurs war eigenartig. Jeder einzelne Tag konnte unendlich lang wirken. Eine Stunde Sitzen konnte sich sehr weit ausdehnen. Eine Pause konnte schnell vorbei sein. Ein Vormittag konnte sich ziehen. Gleichzeitig waren die zehn Tage am Ende erstaunlich kurz. Rückblickend wirkte alles wie ein einziger dichter Raum. Dieses Paradox hat mich stark beschäftigt: Im Erleben wird Zeit sehr lang, im Rückblick wird sie fast kompakt.

Seit meiner früheren Erfahrung mit dem Schmerz im linken Arm hat sich mein Zeitgefühl ohnehin verändert. Wenn Wahrnehmung dichter wird, werden Tage voller. Es geschieht mehr, auch wenn äußerlich weniger passiert. Ein einziger Körpermoment, ein Gespräch, eine innere Bewegung, ein Schmerz, eine Erinnerung oder ein Gedanke können sehr viel Raum einnehmen. Vielleicht vergeht Zeit deshalb gefühlt schneller und langsamer zugleich. Schneller, weil so viel geschieht. Langsamer, weil mehr wahrgenommen wird. Auch während ich heute darüber spreche oder schreibe, geschieht etwas Ähnliches: Ein Teil meiner Aufmerksamkeit ist beim Körper, bei der Stimme, bei der Wahrnehmung. In diesem Sinn ist Vipassana für mich nicht auf den Kurs beschränkt. Es findet weiter statt, wenn Beobachtung da ist.

Bestätigung statt Offenbarung

Nach ungefähr zwei oder drei Tagen entstand in mir eine klare Wahrnehmung: Ich lerne hier nicht grundsätzlich etwas Neues. Ich erkenne etwas wieder. Die bewusste Wahrnehmung des Körpers, das Beobachten von Schmerz, das Zulassen von Gefühlen, das Erkennen der Stimme im Kopf und die Rückkehr zur unmittelbaren Erfahrung waren bereits Teil meines Weges. Besonders meine frühere Schmerz- und Traumaerfahrung hatte mich längst in diese Richtung geführt. Vipassana gab dieser Erfahrung eine Sprache, eine Methode und einen buddhistischen Rahmen. Aber der Kern war mir nicht fremd.

Das war für mich gleichzeitig bestätigend und ernüchternd. Bestätigend, weil ich merkte: Ich bin auf keinem völlig falschen Weg. Ernüchternd, weil ich keine spektakuläre Erleuchtungserfahrung hatte, kein großes Licht, keine endgültige Antwort. Stattdessen: Sitzen. Schmerzen. Beobachten. Einschlafen. Aufwachen. Wieder sitzen. Wieder beobachten. Wieder scheitern. Wieder anfangen. Diese Nüchternheit war wahrscheinlich der Wert der Erfahrung. Vipassana zeigte mir nicht eine neue Welt. Es zeigte mir sehr klar, wie meine eigene Wahrnehmung arbeitet.

Der Freund als Projektionsfläche

Ein wichtiger Teil dieses Kurses war mein Freund, mit dem ich angereist war. Ich nenne ihn hier bewusst nicht beim Namen. Während des Kurses konnten wir nicht miteinander sprechen. Trotzdem war seine Anwesenheit für mich innerlich präsent. Nach dem Kurs, als wieder gesprochen wurde, erzählte er von seinen Erfahrungen. In mir entstand dabei die Wahrnehmung, dass er sich in seinem spirituellen Ego verlieren könnte. Ich meinte zu sehen, wie aus Praxis ein neues Selbstbild wird: Ich fühle tiefer. Ich nehme feiner wahr. Ich mache Fortschritt. Ich verstehe mehr. Diese Wahrnehmung traf mich stark, und ich bewertete sie innerlich.

Später wurde mir klarer, dass er auch eine Projektionsfläche für mich geworden war. Vielleicht sah ich bei ihm etwas, das mich selbst betrifft. Vielleicht störte mich an ihm genau die Möglichkeit, die auch in mir liegt: aus echter Erfahrung eine neue Überlegenheit zu bauen. Aus Meditation eine Identität zu machen. Aus Wahrnehmung einen Vergleich. Aus Empfindung einen Fortschrittsnachweis. Ich glaubte, bei ihm spirituelles Ego zu erkennen, und übersah dabei zunächst, dass genau dieser Gedanke selbst spirituelles Ego sein kann. Wer denkt: „Ich sehe, dass du dich in deinem Ego verlierst“, steht bereits in einer gefährlichen Nähe zu demselben Muster.

Diese Erkenntnis war unangenehm und wertvoll. Sie gehört für mich zu den wichtigsten Teilen der Erfahrung. Nicht weil mein Freund falsch war. Sondern weil sich an ihm mein eigener Verstand zeigte. Der andere Mensch wurde Spiegel. Ich sah eine Bewegung, bewertete sie und hielt mich innerlich möglicherweise für klarer. Genau darin liegt die Falle. Diese Frage habe ich später in meiner Seite Meine Perspektive auf Vipassana weitergeführt: Kann auch spirituelle Praxis zur neuen Form von Ich-Geschichte werden?

Erfolg, Zwang und spirituelles Ego

Aus dieser Erfahrung entstand bei mir eine These. Sie ist keine endgültige Wahrheit, sondern eine Beobachtung, die ich weiter prüfen muss. Menschen, die stark über Leistung, Erfolg, Disziplin und Selbstoptimierung geprägt sind, können durch eine strenge spirituelle Praxis an genau der Stelle weiter gepusht werden, an der sie eigentlich aussteigen müssten. Mehr sitzen. Mehr spüren. Mehr scannen. Mehr aushalten. Mehr verstehen. Mehr Fortschritt. Höher, schneller, weiter, feiner, tiefer. Der Inhalt ist spirituell, aber die Struktur bleibt Leistung.

Das ist für mich eine reale Gefahr. Vipassana kann den Verstand beruhigen, aber der Verstand kann Vipassana auch benutzen. Er kann aus Gleichmut ein Leistungsziel machen. Aus Körperwahrnehmung ein Messinstrument. Aus Schmerz ein Prüfungsmaterial. Aus Anicca ein Konzept, das er besitzt. Aus Schweigen eine Überlegenheit gegenüber Menschen, die reden. Dann entsteht ein spirituelles Ego, das subtiler ist als ein gewöhnliches Ego, aber nicht unbedingt freier. Genau deshalb ist für mich wichtig, dass auch die Praxis selbst beobachtet wird. Nicht nur Schmerz, Angst und Wut. Auch der Gedanke „Ich mache es richtig“ muss beobachtet werden.

Die Stille am Ende

Eine der stärksten Erfahrungen machte ich paradoxerweise am Ende des Kurses. Als das Schweigen aufgehoben wurde, begannen viele Teilnehmer sofort zu sprechen. Für sie war das vielleicht befreiend. Für mich war es überwältigend. Stimmen, Geräusche, Austausch, soziale Bewegung. Nach zehn Tagen Stille fühlte sich Sprache plötzlich sehr laut an. Ich wollte zurück in meine Meditationszelle. Ich wollte nicht reden. Ich wollte die Stille behalten oder zumindest noch nicht sofort verlassen.

Darin zeigte sich für mich, wie stark der Übergang ist. Ein Retreat endet nicht einfach, wenn das Schweigen aufgehoben wird. Innerlich läuft der Prozess weiter. Genau deshalb ist später die Seite Integration nach Vipassana entstanden. Was geschieht, wenn die Stille endet? Was bleibt? Was kippt? Was wird im Alltag sichtbar? Welche Erfahrung braucht noch Sprache, und welche Erfahrung wird durch zu frühe Sprache vielleicht sofort wieder überdeckt?

Lumbini und später der Schwarzwald

Einige Monate später war ich im Vipassana-Zentrum Dhamma Sampatti im Schwarzwald als Server. Diese zweite Erfahrung veränderte meinen Blick auf Lumbini. In Nepal war ich Teilnehmer. Ich war in der Strenge, im Schweigen, im Sitzen, im eigenen Schmerz, in der eigenen Wahrnehmung. Im Schwarzwald war ich Helfer. Ich arbeitete in der Küche, half mit, diente, meditierte und sah die Praxis aus einer anderen Richtung. Dadurch wurde mir klarer: Vipassana endet nicht im Meditationssaal. Die Frage ist, ob Wahrnehmung auch im Tun bleibt.

Rückblickend gehören beide Erfahrungen zusammen. Lumbini (Dhamma Janani) zeigte mir die Reduktion. Dhamma Sampatti zeigte mir die Handlung. Lumbini zeigte mir den Körper im Sitzen. Der Schwarzwald zeigte mir den Körper im Dienen, Arbeiten, Kochen, Zuhören und Mittragen. Lumbini brachte mich tiefer in die Stille. Der Schwarzwald brachte die Frage, wie Stille in den Alltag findet. Genau daraus entstanden später die Texte Vipassana und Alltag und Fragen nach Vipassana.

Was ich heute vorsichtiger sehe

Heute würde ich einiges vorsichtiger formulieren als direkt nach dem Kurs. Wenn Schmerz wandert, bedeutet das nicht zwingend, dass ein Trauma gelöst wird. Wenn Tränen kommen, bedeutet das nicht zwingend, dass eine alte Geschichte vollständig verstanden ist. Wenn ich bei jemand anderem spirituelles Ego wahrnehme, bedeutet das nicht zwingend, dass ich klarer sehe als dieser Mensch. Wenn ich eine tiefe Erfahrung mache, bedeutet das nicht, dass mein Verstand daraus keine neue Identität bauen kann.

Diese Vorsicht macht die Erfahrung für mich nicht kleiner. Sie macht sie präziser. Ich kann sagen: Da war Schmerz. Da war Stille. Da war Müdigkeit. Da war Widerstand. Da war Freude an der Zelle. Da war Überforderung am Ende des Schweigens. Da war die Beobachtung meines Freundes. Da war später die Einsicht, dass er auch Projektionsfläche war. Da war die These vom spirituellen Ego. Da war die Bestätigung meines eigenen Weges. Und da bleibt die offene Frage, was davon unmittelbare Erfahrung war, was Interpretation war und was spirituelle Deutung ist.

Der Kern meiner Vipassana-Erfahrung

Der Kern meiner Vipassana-Erfahrung ist für mich nicht spektakulär. Alles, was auftaucht, verändert sich. Eine Körperempfindung verändert sich. Ein Schmerz verändert sich. Ein Gedanke verändert sich. Eine Bewertung verändert sich. Ein Gefühl verändert sich. Auch eine Identifikation verändert sich. Sogar Kontrolle verändert sich. Diese Einsicht klingt einfach, aber sie wirkt tief, wenn sie nicht nur gedacht, sondern körperlich erfahren wird.

Gleichzeitig zeigte mir der Kurs, dass Beobachtung nicht Besitz ist. Sobald der Verstand sagt: „Jetzt habe ich es“, entsteht ein neues Konzept. Sobald er sagt: „Ich bin weiter“, entsteht Vergleich. Sobald er sagt: „Ich fühle richtiger“, entsteht Trennung. Vielleicht war genau diese offene Frage der wertvollste Teil meiner Vipassana-Erfahrung: Wie kann ich beobachten, ohne daraus sofort eine neue Identität zu machen?

Was bleibt

Was bleibt, ist Dankbarkeit für diese zehn Tage. Nicht romantische Dankbarkeit, sondern nüchterne Dankbarkeit. Es war anstrengend. Es war streng. Es war heiß. Es war schlicht. Es war teilweise langweilig, schmerzhaft, ermüdend und herausfordernd. Gleichzeitig war es klar, reduziert und ehrlich. Der Kurs nahm mir viele Ausweichmöglichkeiten. Dadurch wurde sichtbar, wie mein Verstand arbeitet, wie mein Körper reagiert, wie stark ich Kontrolle suche, wie sehr ich Stille brauche und wie schnell auch Spiritualität wieder zur Geschichte werden kann.

Vipassana hat mir keine fertige Antwort gegeben. Es hat meine Fragen präziser gemacht. Wer beobachtet? Was ist Schmerz? Was ist Leid? Was ist Annahme? Wann wird Meditation Freiheit? Wann wird sie Identität? Wie gehe ich mit Gefühlen um, ohne mich in ihnen zu verlieren? Wie bringe ich Stille in Handlung? Wie bleibe ich Mensch, wenn ich spirituelle Erfahrungen mache?

Diese Fragen wirken weiter. Deshalb ist Vipassana für mich kein abgeschlossener Kurs in Nepal. Es ist ein Teil meines Weges geworden. Nicht als starre Methode, nicht als religiöse Zugehörigkeit, nicht als Etikett. Sondern als wiederkehrende Erinnerung: Wahrnehmen. Nicht sofort reagieren. Die eigene Geschichte erkennen. Den Körper ernst nehmen. Den Verstand beobachten. Und immer wieder sehen, was jetzt wirklich da ist.

Weiterführend

Aus dieser Erfahrung sind mehrere weitere Texte entstanden. Integration nach Vipassana beschäftigt sich mit der Frage, wie eine Retreat-Erfahrung in den Alltag übertragen werden kann. Vipassana und Alltag fragt, wie Beobachtung im Handeln, Arbeiten, Dienen und menschlichen Miteinander lebendig bleibt. Schmerz, Trauma und Beobachtung beschreibt meine persönliche Wurzel vor dem formalen Vipassana-Kurs. Meine Perspektive auf Vipassana untersucht Methode, Kontrolle, Verstand, Beobachter und spirituelles Ego. Fragen nach Vipassana sammelt konkrete Fragen, die nach einem Kurs oder nach intensiver Meditation auftauchen können.

Wenn du nach einer Vipassana-Erfahrung Gespräch, Reflexion oder Begleitung suchst, kannst du gerne Kontakt mit mir aufnehmen.