Abhängigkeit und Unabhängigkeit


Ein Mensch kommt in vollständiger Abhängigkeit auf die Welt. Ein neugeborenes Kind kann sich nicht selbst ernähren, nicht schützen und nicht für die Bedingungen sorgen, die sein Körper zum Überleben benötigt. Es braucht Nahrung, Wärme, Schutz, Schlaf, Berührung und andere Menschen, die Verantwortung übernehmen. Ohne diese Versorgung kann es nicht leben. Die menschliche Erfahrung beginnt damit nicht in Freiheit und Autonomie, sondern in Abhängigkeit.

Das ist zunächst weder gut noch schlecht. Es ist eine Bedingung des Menschseins.

Der Körper bleibt auch später abhängig. Ich brauche Luft, Wasser, Nahrung und bestimmte äußere Bedingungen. Ich bin abhängig von einem funktionierenden Organismus und von einer Umwelt, die diesen Organismus am Leben erhält. Vollständige körperliche Unabhängigkeit gibt es nicht. Selbst der Einsiedler, der Mönch oder der Mensch, der sich weitgehend aus einer Gesellschaft zurückzieht, braucht weiterhin Wasser, Nahrung, Wärme und die Erde, auf der er lebt.

Und trotzdem glaube ich, dass in diesem abhängigen menschlichen Wesen etwas steckt, das unabhängig ist.

Ich beschreibe den Menschen für mich als Zusammenspiel von Seele, Geist und Körper. Der Körper ist das biologische Kleid. Der Geist oder Verstand verarbeitet die menschliche Erfahrung, denkt, erinnert, bewertet und entwickelt die Geschichte eines Ichs. Und die Seele (meine Instanz des kollektiven Bewusstseins) ist in meiner spirituellen Weltsicht der Teil, der diesem menschlichen Kostüm zugrunde liegt. Sie ist nicht Konrad, nicht mein Beruf, nicht mein Besitz, nicht meine Beziehungen, nicht meine Gedanken und nicht mein Körper. Meine Grundannahme ist: Diese Seele braucht keinen anderen Menschen, um vollständig zu sein. Sie ist bereits vollständig.

Das ist keine naturwissenschaftliche Aussage. Es ist eine meiner metaphysischen Grundannahmen.

Damit entsteht ein für mich interessantes Spannungsfeld: Etwas in mir ist frei, während meine menschliche Erfahrung mit Abhängigkeit beginnt.

Von der Abhängigkeit zur Eigenständigkeit

Ein Kind kennt diese Unterscheidung noch nicht. Für das Kind sind Versorgung, Nähe, Sicherheit und Zugehörigkeit existenziell miteinander verbunden. Es braucht seine Bezugspersonen und lernt gleichzeitig durch sie, wer es ist, was erlaubt ist, was gefährlich ist und wie viel Eigenständigkeit möglich scheint. Deshalb können körperliche und emotionale Abhängigkeit ineinanderfließen.

Ich kenne das aus meiner eigenen Geschichte.

In einer Meditation tauchte bei mir eine Erinnerung aus meiner Kindheit auf. Ich wollte etwas alleine tun. Meine Mutter ließ es nicht zu. Ich gehorchte. Rückblickend habe ich diese Situation so verstanden, dass dort ein Wunsch nach Selbstständigkeit auf eine stärkere Abhängigkeit traf: Ich wollte mich lösen, gleichzeitig wollte ich die Beziehung und die Liebe meiner Mutter nicht gefährden. Das Kind entschied sich nicht frei zwischen zwei gleichwertigen Möglichkeiten. Es war abhängig.

Das ist keine Anklage gegen meine Mutter. Im Gegenteil: Eltern geben weiter, was sie selbst gelernt haben. Muster wandern durch Familien, bis jemand beginnt, sie wahrzunehmen und zu überprüfen.

Genau darin sehe ich einen wesentlichen Teil des Erwachsenwerdens.

Ein Mensch wächst nicht nur körperlich. Im besten Fall löst er sich Stück für Stück aus der ursprünglichen Abhängigkeit. Er beginnt, selbst zu entscheiden, selbst wahrzunehmen und seine eigenen Erfahrungen zu machen. Die Pubertät ist dafür ein offensichtlicher Übergang. Das Kind widerspricht. Es grenzt sich ab. Es entdeckt eine eigene Wahrheit und stellt fest: Meine Eltern sehen die Welt auf ihre Weise – aber ihre Sicht muss nicht meine sein.

Diese Ablösung kann gelingen. Sie kann aber auch unvollständig bleiben.

Dann ist der Körper längst erwachsen, während ein Teil des Menschen weiterhin nach etwas im Außen sucht, das früher gefehlt hat oder von dem er sich abhängig erlebt hat. Anerkennung. Sicherheit. Aufmerksamkeit. Bestätigung. Liebe. Führung. Gebrauchtwerden.

Und dann können neue Abhängigkeiten entstehen.

Was brauche ich wirklich?

Abhängigkeit hat für mich sehr viel mit Bedürfnissen zu tun.

Ein Teil dieser Bedürfnisse ist körperlich und unmittelbar. Ohne Sauerstoff sterbe ich. Ohne Wasser sterbe ich. Ohne Nahrung kann mein Körper nur eine begrenzte Zeit existieren.

Daneben gibt es eine große Zahl menschlicher Bedürfnisse und Wünsche: Nähe, Sexualität, Partnerschaft, Anerkennung, Kommunikation, Besitz, Status, Arbeit, Unterhaltung, Substanzen, Sicherheit oder Zugehörigkeit.

Sie können wichtig sein. Die entscheidende Frage ist für mich aber eine andere:

Brauche ich das wirklich – oder glaube ich, dass ich es brauche?

Genau an dieser Stelle unterscheide ich zwischen Mangel und Fülle.

Mit Mangelbewusstsein bezeichne ich einen inneren Zustand, in dem ich etwas im Außen benötige, um mich vollständig, sicher oder wertvoll zu fühlen. Dann bekommt das Außen eine Aufgabe. Der Partner soll mir Liebe geben. Die Arbeit soll mir Bedeutung geben. Geld soll mir Sicherheit geben. Sex soll mir Bestätigung geben. Alkohol oder andere Substanzen sollen einen Zustand in mir verändern. Ein Haus, ein Auto oder eine bestimmte Rolle sollen mir zeigen, wer ich bin.

Das Problem ist für mich nicht das Haus, nicht der Partner, nicht die Arbeit und auch nicht grundsätzlich die Substanz.

Das Problem beginnt dort, wo aus einem „Ich möchte“ ein „Ich brauche“ wird.

Denn sobald ich etwas brauche, gebe ich diesem Etwas Macht über meinen inneren Zustand.

Ich kann ein Haus besitzen und frei sein. Ich kann kein Haus besitzen und vollständig daran verhaftet sein, unbedingt eines bekommen zu müssen. Ich kann in einer Partnerschaft leben und innerlich unabhängig sein. Ich kann allein leben und trotzdem mein ganzes Denken davon abhängig machen, endlich einen Partner zu finden. Äußere Unabhängigkeit und innere Unabhängigkeit sind deshalb nicht dasselbe.

Auch das Gegenteil kann zur Falle werden.

Ein Mensch kann sagen: „Ich brauche niemanden.“ Das kann Ausdruck wirklicher Autonomie sein. Es kann aber genauso gut eine Schutzstrategie sein. Wer gelernt hat, dass Nähe gefährlich ist, kann seine Verletzlichkeit hinter vermeintlicher Unabhängigkeit verstecken. Dann ist das „Ich brauche niemanden“ nicht Freiheit, sondern die andere Seite derselben Abhängigkeit.

Deshalb bedeutet Unabhängigkeit für mich nicht, alle Beziehungen abzubrechen und alleine auf einem Berg zu sitzen.

Das Extrem der Unabhängigkeit

Trotzdem finde ich dieses Bild hilfreich.

Der Einsiedler oder Mönch steht für mich symbolisch am anderen Ende der Entwicklung. Am Anfang steht das Kind, das ohne andere Menschen nicht überleben kann. Am anderen Extrem steht ein Mensch, der möglichst wenig benötigt, mit sich alleine sein kann und sein inneres Gleichgewicht nicht ständig durch Dinge im Außen herstellen muss.

Dieses Extrem taucht auch in buddhistischen Vorstellungen von Anhaftung und Loslassen auf. Leiden entsteht dort unter anderem aus dem Festhalten und aus dem Verlangen danach, dass etwas Bestimmtes sein oder bleiben soll.

Für mich steckt darin eine wichtige Frage:

Was bleibt von mir übrig, wenn ich alles entferne, worüber ich mich definiere?

Kein Beruf. Kein Partner. Kein Haus. Kein Status. Keine Rolle. Keine Droge. Kein Publikum. Keine Bestätigung.

Wer bin ich dann?

Der radikale Weg in die Unabhängigkeit kann helfen, diese Frage zu beantworten. Aber ich glaube inzwischen nicht, dass vollständige Absonderung das eigentliche Ziel sein muss. Das wäre wieder ein Extrem.

Vielleicht besteht Entwicklung gerade darin, zunächst Unabhängigkeit zu lernen, damit anschließend Verbindung möglich wird, ohne wieder in unbewusste Abhängigkeit zurückzufallen.

Bewusste Unabhängigkeit

Unabhängigkeit bedeutet für mich deshalb zunächst, mit mir selbst sein zu können.

Ich kann für mich sorgen. Ich kann Entscheidungen treffen. Ich kann alleine essen, schlafen, reisen, arbeiten, denken, fühlen und mein Leben gestalten. Ich kann Verantwortung für meinen Körper, meine Gedanken, meine Gefühle und meine Entscheidungen übernehmen. Ich erkenne meine Bedürfnisse und erwarte nicht automatisch, dass ein anderer Mensch sie für mich erfüllt.

Das klingt egoistisch.

Und in einem bestimmten Sinne ist es das auch.

Ich halte mich für den wichtigsten Menschen in meinem Leben.

Nicht weil ich mehr wert wäre als andere Menschen, sondern weil ich der einzige Mensch bin, für dessen Leben ich vollständig Verantwortung übernehmen kann. Wenn ich mich selbst verlasse, um andere zu retten, zu versorgen oder zufriedenzustellen, entsteht daraus für mich nicht automatisch Liebe. Hinter Fürsorge kann genauso ein eigener Mangel liegen: Ich möchte gebraucht werden. Ich möchte Anerkennung. Ich möchte mich wertvoll fühlen. Ich gebe und erwarte unbewusst etwas zurück.

Auch Helfen kann abhängig machen.

Deshalb frage ich mich: Gebe ich, weil ich etwas zurückhaben möchte? Oder gebe ich, weil ich geben möchte?

Handle ich aus Mangel oder aus Fülle?

In meiner Sprache bedeutet Fülle nicht, dass ich nichts mehr wünsche. Im Gegenteil. Ich darf sehr viel wollen. Der Unterschied liegt darin, woher dieses Wollen kommt.

Ich brauche es nicht. Aber ich möchte es.

Das ist für mich Freiheit.

Von der Unabhängigkeit zurück in die Beziehung

Und genau an dieser Stelle wird Abhängigkeit wieder interessant.

Denn wenn zwei Menschen tatsächlich unabhängig wären, weshalb sollten sie überhaupt eine Beziehung eingehen?

Meine Antwort lautet: weil sie es wollen.

Nicht jede Abhängigkeit ist deshalb etwas, das überwunden werden muss. Es gibt für mich einen entscheidenden Unterschied zwischen unbewusster und bewusster Abhängigkeit.

Eine unbewusste Abhängigkeit sagt:

Ich brauche dich, damit es mir gut geht.

Eine bewusste Beziehung kann dagegen sagen:

Ich kann ohne dich leben. Und trotzdem entscheide ich mich für dich.

Das ist ein völlig anderer Ausgangspunkt.

Ich habe diesen Gedanken einmal als bewusst geteilte Autonomie beschrieben. Zwei eigenständige Menschen begegnen sich und erschaffen zwischen sich einen gemeinsamen Raum. Jeder trägt Verantwortung für sich selbst. Gleichzeitig übernehmen beide Verantwortung für das, was zwischen ihnen entsteht.

Damit wird Beziehung nicht zur Verschmelzung zweier unvollständiger Hälften.

Es begegnen sich zwei vollständige Menschen.

Natürlich entstehen dabei Abhängigkeiten. Wenn ich mich auf einen Menschen einlasse, wird mir dieser Mensch wichtig. Wir entwickeln Gewohnheiten, Nähe, Vertrauen, vielleicht gemeinsame Finanzen, einen Wohnort, Sexualität, Familie oder gemeinsame Projekte. Wir machen uns verletzlich. Das lässt sich nicht vollständig vermeiden, ohne auch Beziehung zu vermeiden.

Aber ich kann wissen, dass ich diese Verbindung eingehe.

Ich kann meine Karten offen auf den Tisch legen.

Was möchte ich von dir?

Was möchtest du von mir?

Was kann ich geben?

Was will ich nicht geben?

Wo endet meine Verantwortung?

Wo beginnt deine?

Dann wird Abhängigkeit nicht unbewusst erlitten, sondern bewusst gestaltet.

Der Satz, der diesen Gedanken für mich am stärksten zusammenfasst, lautet:

Ich brauche dich nicht. Aber ich will dich.

Das klingt zunächst kalt. Für mich ist es das Gegenteil.

Wenn ich einen Menschen brauche, trägt meine Liebe bereits eine Forderung in sich. Bleib bei mir. Gib mir Sicherheit. Bestätige mich. Fülle meine Leere. Sei so, wie ich dich brauche.

Wenn ich einen Menschen nicht brauche und trotzdem bei ihm sein möchte, entsteht eine andere Form von Beziehung.

Dann darf der andere freier sein.

Und ich auch.

Freiheit ist nicht Beziehungslosigkeit

Ich glaube deshalb nicht mehr, dass das Ziel vollständige Unabhängigkeit sein kann.

Das Leben selbst besteht aus Beziehungen und gegenseitigen Abhängigkeiten. Kein Mensch baut allein seine Straßen, erzeugt sämtliche Nahrung, näht seine Kleidung, produziert seine Medikamente und stellt sein eigenes Telefon her. Unsere Gesellschaft ist ein riesiges Netzwerk gegenseitiger Abhängigkeit.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob ich abhängig bin.

Die entscheidende Frage ist:

Wovon bin ich abhängig, weiß ich davon – und habe ich mich bewusst dafür entschieden?

Das gilt für Beziehungen genauso wie für Arbeit, Besitz, Geld oder Substanzen.

Tue ich etwas, weil ich möchte?

Oder tue ich es, weil eine Stimme in mir behauptet, ich müsse?

Kann ich etwas auch lassen?
Kann ich einen Menschen lieben und ihn trotzdem gehen lassen?
Kann ich besitzen, ohne mich über meinen Besitz zu definieren?
Kann ich arbeiten, ohne meine Identität vollständig an meine Arbeit zu hängen?
Kann ich genießen, ohne zu brauchen?

Hier berühren sich für mich Abhängigkeit, Bewusstheit, Verantwortung und Freiheit.

Vielleicht verläuft die menschliche Entwicklung tatsächlich wie ein Pendel. Wir beginnen in nahezu vollständiger Abhängigkeit. Dann versuchen wir, uns davon zu lösen. Wir entdecken Eigenständigkeit und können dabei zeitweise in das andere Extrem geraten: Ich brauche niemanden. Ich mache alles alleine.

Und vielleicht führt der nächste Schritt wieder zurück zur Mitte.

Nicht zurück in die alte Abhängigkeit.

Sondern in eine bewusste Verbundenheit.

Ich weiß, dass ich alleine stehen kann.
Und gerade deshalb kann ich mich verbinden.

Ich weiß, dass der andere nicht dafür verantwortlich ist, mich vollständig zu machen.
Und gerade deshalb kann ich ihm begegnen.

Ich weiß, dass jede menschliche Beziehung vergänglich ist.
Und gerade deshalb kann ich sie jetzt leben.

Die Freiheit, nach der ich suche, besteht deshalb für mich nicht darin, nichts und niemanden zu brauchen.

Sie besteht darin, zu erkennen, was tatsächlich notwendig ist, woran ich mich unbewusst klammere und welche Bindungen ich aus freier Entscheidung eingehen möchte.

Vielleicht ist Unabhängigkeit nicht das Gegenteil von Abhängigkeit.

Vielleicht ist sie die Voraussetzung dafür, bewusst abhängig sein zu können, ohne sich selbst dabei zu verlieren.