Abhängigkeit und Unabhängigkeit

Ein Mensch kommt abhängig auf die Welt. Ein neugeborenes Kind kann sich nicht selbst ernähren, schützen oder für die Bedingungen sorgen, die sein Körper zum Überleben benötigt. Es braucht andere Menschen. Nahrung, Wärme, Schutz und Versorgung sind keine Wahl, sondern Voraussetzung für sein Leben.

Diese Abhängigkeit verschwindet auch später nicht vollständig. Mein Körper bleibt abhängig von Luft, Wasser, Nahrung, Schlaf und einer Umwelt, in der er existieren kann. Vollständige körperliche Unabhängigkeit gibt es für mich deshalb nicht.

Gleichzeitig glaube ich, dass in diesem abhängigen menschlichen Wesen etwas steckt, das unabhängig ist. In meiner spirituellen Weltsicht beschreibe ich den Menschen als Zusammenspiel von Seele, Geist und Körper. Der Körper ist an Bedingungen gebunden. Der Verstand entwickelt sich innerhalb der menschlichen Erfahrung. Die Seele dagegen verstehe ich als etwas, das in sich bereits vollständig ist. Das ist keine naturwissenschaftliche Aussage, sondern eine meiner metaphysischen Grundannahmen.

Genau aus diesem Spannungsfeld entsteht für mich die Frage nach Abhängigkeit und Unabhängigkeit: Wie wird aus einem Menschen, der vollständig abhängig beginnt, ein Mensch, der mit sich selbst stehen kann?

Loslösung und Eigenständigkeit

Ein wesentlicher Teil des Erwachsenwerdens besteht für mich in Loslösung. Das Kind beginnt, Dinge selbst zu tun. Es lernt zu gehen, zu sprechen, zu entscheiden und die Welt mit eigenen Augen zu betrachten. Später grenzt es sich von Eltern und anderen Bezugspersonen ab, entwickelt eigene Vorstellungen und übernimmt zunehmend Verantwortung für das eigene Leben.

Loslösung bedeutet dabei nicht, dass ich keine anderen Menschen mehr brauche oder sämtliche Verbindungen aufgebe. Sie bedeutet zunächst, dass ich Fähigkeiten entwickle, die vorher andere für mich übernommen haben. Ich lerne, für mich zu sorgen, Entscheidungen zu treffen, mit meinen Gefühlen umzugehen und mein Leben zunehmend selbst zu gestalten. Verantwortung wandert damit Stück für Stück von außen nach innen.

Dieser Prozess kann an manchen Stellen gelingen und an anderen unvollständig bleiben. Ein Mensch kann äußerlich längst erwachsen und selbstständig sein und trotzdem innere Zustände weiterhin stark über seine Umwelt regulieren. Dann brauche ich vielleicht niemanden mehr, der mir Essen auf den Tisch stellt oder meine Entscheidungen trifft, aber ich brauche Anerkennung, Leistung, Ablenkung, eine bestimmte Tätigkeit oder einen bestimmten Zustand, damit ich mich sicher, vollständig oder überhaupt gut mit mir fühle.

Für mich liegt darin eine zweite Ebene des Erwachsenwerdens. Es geht nicht nur darum, alleine wohnen, Geld verdienen oder Entscheidungen treffen zu können. Es geht um die Frage, wie abhängig mein innerer Zustand von dem ist, was außerhalb von mir geschieht.

Wenn das Außen meinen inneren Zustand reguliert

Ein innerer Mangel kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Ich kann mich nicht gesehen, nicht sicher, nicht wertvoll, nicht beschäftigt, nicht geliebt oder nicht vollständig fühlen. Und ich kann versuchen, diesen Zustand durch etwas im Außen zu verändern.

Dieses Außen kann fast alles sein. Arbeit. Erfolg. Geld. Besitz. Essen. Sex. Sport. Alkohol oder andere Substanzen. Soziale Medien. Unterhaltung. Reisen. Spiritualität. Anerkennung. Helfen. Ein Haustier. Ein anderer Mensch. Auch Konsum verstehe ich in diesem Zusammenhang weiter als nur das Kaufen von Dingen. Ich kann Dinge, Erfahrungen, Aufmerksamkeit, Leistung, Menschen und Zustände konsumieren.

Damit behaupte ich nicht, dass Sport, Arbeit, Sexualität, Genuss, Besitz oder Konsum grundsätzlich Ausdruck eines Mangels wären. Entscheidend ist für mich ihre Funktion. Warum tue ich etwas? Was verändert es in mir? Kann ich damit aufhören? Kann ich darauf verzichten, ohne dass mein inneres Gleichgewicht davon abhängt?

Hier berührt Abhängigkeit meinen Gedanken über Wollen. Ich kann etwas wollen, weil ich Freude daran habe, weil ich neugierig bin oder weil ich mich bewusst dafür entscheide. Ich kann etwas aber auch wollen, weil ich glaube, ohne dieses Etwas könne es mir nicht gut gehen. Aus einem „Ich möchte“ wird dann ein „Ich brauche“.

Das Ding im Außen bekommt dadurch eine Aufgabe. Die Arbeit soll mir Wert geben. Geld soll mir Sicherheit geben. Leistung soll mir Anerkennung geben. Eine Substanz soll meine Wahrnehmung verändern. Unterhaltung soll verhindern, dass ich Stille erleben muss. Sex soll Bestätigung geben. Konsum soll einen Zustand herstellen, den ich aus mir selbst heraus gerade nicht herstellen oder halten kann.

Für mich liegt genau hier eine zentrale Form von Abhängigkeit: Etwas außerhalb von mir wird dafür zuständig, einen Zustand in mir zu regulieren.

Substitution

Wenn eine ursprüngliche Abhängigkeit nicht wirklich gelöst wird, kann sie ihre Form verändern. Ich brauche dann nicht mehr meine Eltern, aber vielleicht brauche ich Leistung. Ich brauche nicht mehr jemanden, der mich versorgt, aber vielleicht brauche ich Anerkennung. Ich brauche keine unmittelbare körperliche Versorgung mehr, aber vielleicht einen permanenten Strom aus Unterhaltung, Arbeit, Konsum oder Reizen.

Ich nenne das für mich Substitution. Etwas Neues übernimmt eine Funktion, die ursprünglich an etwas anderes gebunden war. Das bedeutet nicht, dass jede Gewohnheit auf ein ungelöstes Kindheitsthema zurückgeführt werden muss. Menschen sind komplexer als eine einzige Erklärung. Es ist vielmehr eine Frage, die ich an mich selbst stellen kann: Was erfüllt dieses Verhalten eigentlich für mich?

Gerade darin liegt für mich der Unterschied zwischen dem Gegenstand und meiner Beziehung zu ihm. Alkohol ist zunächst Alkohol. Arbeit ist Arbeit. Sport ist Sport. Ein Smartphone ist ein Smartphone. Das alles sagt noch wenig über Abhängigkeit aus. Interessanter ist, was passiert, wenn es nicht verfügbar ist. Entsteht dann lediglich ein Wunsch? Oder entsteht Unruhe, Leere, Angst, Zwang oder Gedanken („getarnt als Gefühle“), etwas Entscheidendes zu verlieren?

Auch radikaler Verzicht ist deshalb nicht automatisch Unabhängigkeit. Wenn ich mein ganzes Leben darum organisieren muss, etwas auf keinen Fall zu tun, kann dieses Etwas weiterhin enorme Macht über mich besitzen. Unabhängigkeit bedeutet für mich weniger, möglichst wenig zu tun oder zu besitzen, sondern freier darin zu werden, ob ich etwas tue, benutze oder brauche.

Kann ich mit mir allein vollständig sein?

Der Einsiedler oder Mönch ist für mich deshalb ein hilfreiches Gedankenexperiment. Nicht als realistisches Ideal vollständiger Autarkie – auch ein Mönch braucht Wasser, Nahrung, einen Körper und eine Umwelt –, sondern als Gegenbild zu einem Leben, das ständig etwas von außen benötigt, um sich innerlich zu regulieren.

Was passiert, wenn möglichst viel davon wegfällt? Kein Status. Keine Arbeit, über die ich mich definiere. Kein permanenter Konsum. Keine Unterhaltung. Keine Anerkennung. Keine Substanz, die meinen Zustand verändert. Niemand, der mir ständig bestätigt, wer ich bin.

Kann ich dann mit mir sein?

Diese Frage führt für mich tiefer als die Frage, ob ich alleine leben könnte. Ich kann alleine in einer Wohnung sitzen und gleichzeitig vollständig von meinem Telefon, meiner Arbeit, Aufmerksamkeit oder meinen eigenen Gedanken abhängig sein. Äußeres Alleinsein ist noch keine innere Unabhängigkeit.

Das Mönchsbild steht deshalb für einen Zustand, in dem immer weniger von außen benötigt wird, damit innen etwas in Ordnung ist. In meiner Vorstellung entsteht daraus nicht Leere, sondern Raum. Ich muss meinen Zustand nicht permanent verändern. Ich kann bemerken, was gerade da ist. Genau dafür wird Bewusstheit entscheidend: Erst wenn ich wahrnehme, was in mir geschieht, kann ich überhaupt erkennen, wofür ich etwas im Außen benutze.

Unabhängigkeit und Gleichgewicht

Damit berührt Unabhängigkeit einen weiteren Gedanken, den ich getrennt betrachte: Gleichgewicht.

Wenn bestimmte Seiten in mir wenig Raum bekommen, kann der Wunsch entstehen, sie im Außen zu suchen. Vielleicht fehlt mir Ruhe und ich versuche sie über eine Substanz herzustellen. Vielleicht fehlt mir Sicherheit und ich suche sie in Geld, Kontrolle oder festen Strukturen. Vielleicht fällt mir Selbstbestätigung schwer und ich werde abhängig von Leistung und Anerkennung. Vielleicht kann ich Nähe oder Stärke in mir schwer halten und suche jemanden oder etwas, das diese Seite für mich übernimmt.

Die These dahinter ist nicht, dass ich irgendwann keinerlei äußeren Ausgleich mehr brauche. Wir leben in Wechselwirkung mit unserer Umwelt. Für mich geht es vielmehr darum, meine eigenen Gegensätze zunehmend wahrzunehmen, anzunehmen und in mir miteinander in Beziehung zu bringen, statt eine fehlende Seite ausschließlich nach außen zu verlagern.

Was in mir seinen Platz findet, muss weniger verzweifelt im Außen gesucht werden. Genau an dieser Stelle treffen sich für mich Unabhängigkeit und Gleichgewicht. Wie dieses Gleichgewicht aussieht, wo Extreme sinnvoll sind und warum Mitte nicht einfach mathematisch fünfzig zu fünfzig bedeutet, gehört für mich allerdings in den eigenen Gedanken zum Gleichgewicht.

Zurück in die Welt

Unabhängigkeit bedeutet für mich deshalb nicht, mich aus der Welt zurückzuziehen. Ich möchte arbeiten, genießen, reisen, besitzen, essen, feiern, mich austauschen, Menschen begegnen und Beziehungen eingehen können. Das alles gehört für mich zum Menschsein.

Der Unterschied liegt in der Intention. Nutze ich etwas, weil ich mich bewusst dafür entscheide? Oder weil ich das Gefühl habe, ohne dieses Etwas nicht vollständig zu sein? Kann ich genießen, ohne festzuhalten? Kann ich arbeiten, ohne dass mein gesamter Wert an meiner Arbeit hängt? Kann ich besitzen, ohne mich über meinen Besitz zu definieren? Kann ich Nähe zulassen, ohne dass ein anderer Mensch für mein inneres Gleichgewicht verantwortlich wird?

Die Abhängigkeit von einem Partner oder einer Partnerin ist dabei für mich ein besonders interessanter Sonderfall, aber eben nur einer unter vielen. Zwischenmenschliche Beziehung bringt eigene Dynamiken mit sich und verdient deshalb eine eigene Betrachtung. Für den allgemeineren Gedanken reicht zunächst die Frage, ob ich mich verbinden kann, ohne mich selbst vollständig an das Gebundene zu hängen.

Vielleicht ist das der eigentliche Übergang von Abhängigkeit zu Unabhängigkeit: Ich entferne nicht alles aus meinem Leben, was mir wichtig werden könnte. Ich lerne vielmehr, zunehmend selbst zu stehen, damit ich freier entscheiden kann, womit ich mich verbinde.

Dann wird Unabhängigkeit nicht zu Beziehungslosigkeit, Askese oder Verzicht. Sie wird zur Voraussetzung für bewusste Bindung. Ich darf etwas wollen. Ich darf etwas genießen. Ich darf mich verbinden. Ich darf sogar wissen, dass bestimmte Dinge und Menschen für mein menschliches Leben wichtig sind.

Aber das Außen muss mich nicht mehr vollständig machen.

Vielleicht lässt sich mein Verständnis von Unabhängigkeit deshalb am einfachsten so formulieren: Ich lerne, mit mir selbst stehen zu können. Und aus diesem Stand heraus entscheide ich, was Teil meines Lebens sein soll.