Probleme


Was ist eigentlich ein Problem?

Meine Antwort darauf ist inzwischen ziemlich radikal: Probleme entstehen im Kopf.

Im Außen gibt es Situationen, Ereignisse und Tatsachen. Ein Auto geht kaputt. Eine Beziehung endet. Ich verliere meinen Arbeitsplatz. Mein Körper ist krank oder verletzt. Ein anderer Mensch handelt anders, als ich es mir wünsche. All das kann sehr real sein und reale Konsequenzen haben. Ich will diese Realität nicht wegreden.

Das Problem selbst entsteht für mich jedoch erst im nächsten Schritt: Mein Verstand betrachtet das, was ist, bewertet es und kommt zu dem Ergebnis, dass es anders sein sollte.

Genau dort beginnt das Problem.

Die Situation sagt zunächst nur: So ist es. Mein Verstand sagt: So darf es nicht sein.

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt der Widerstand.

Ich habe lange sehr problemorientiert gedacht. Als studierter Ingenieur ist mir diese Art zu denken sogar ausgesprochen vertraut. Da ist eine Abweichung vom Sollzustand, also suche ich den Fehler. Das ist in technischen Systemen sinnvoll. Wenn eine Maschine nicht funktioniert, möchte ich wissen, warum.

Im Leben funktioniert diese Logik für mich nur eingeschränkt.

Denn sehr häufig besteht das vermeintliche Problem nicht darin, dass etwas technisch repariert werden müsste. Das Problem besteht darin, dass meine Vorstellung von der Wirklichkeit nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

Ich erwarte A und bekomme B.

Ich möchte, dass ein Mensch sich auf eine bestimmte Weise verhält, und er tut es nicht. Ich habe mir einen bestimmten Verlauf meines Lebens vorgestellt, und das Leben hält sich nicht daran. Ich möchte gesund sein und bin krank. Ich möchte Sicherheit und erlebe Unsicherheit. Ich möchte, dass etwas bleibt, und es verändert sich.

Das Ereignis ist real.

Das Problem entsteht durch meine Bewertung des Ereignisses und meinen Widerstand gegen das, was bereits ist.

Für mich lässt sich das fast wie eine einfache Gleichung betrachten:

Situation + negative Bewertung + Widerstand = Problem.

Damit behaupte ich nicht, dass Schmerz, Verlust, Krankheit oder Gewalt nur Gedanken wären. Ein gebrochener Knochen ist kein Gedanke. Schmerz ist eine Erfahrung. Materielle Schäden sind real. Auch die Folgen menschlichen Handelns sind real.

Aber die zusätzliche gedankliche Ebene – Das darf nicht sein. Warum passiert das ausgerechnet mir? Das ist falsch. Das hätte anders laufen müssen. – entsteht in meinem Verstand.

Und genau diese Ebene kann ich beobachten.

Das verändert für mich alles.

Denn wenn das Problem ausschließlich im Außen liegt, bin ich vom Außen abhängig. Dann muss sich die Welt verändern, damit es mir wieder gut gehen kann. Ein Mensch muss sich anders verhalten. Eine Situation muss verschwinden. Die Vergangenheit müsste anders gewesen sein.

Das ist unmöglich.

Wenn ich dagegen erkenne, dass zumindest ein wesentlicher Teil meines Problems aus meiner eigenen Bewertung entsteht, bekomme ich Handlungsspielraum zurück.

Ich kann mich fragen: Was ist tatsächlich geschehen? Was davon ist Tatsache – und was erzähle ich mir darüber? Welche Erwartung wurde nicht erfüllt? Gegen welchen Teil der Wirklichkeit kämpfe ich gerade?

Damit verschwindet die Situation nicht automatisch.

Aber mein Verhältnis zu ihr kann sich verändern.

Das ist für mich auch der Zusammenhang zwischen Problem, Widerstand und Leid. Widerstand entsteht im Verstand. Ich halte an einem gewünschten Zustand fest und lehne den tatsächlichen ab. Je stärker ich mich daran festhalte, desto stärker kann ich leiden.

Die Alternative ist nicht Gleichgültigkeit.

Annahme bedeutet für mich nicht, alles gutzuheißen und nichts mehr zu verändern. Annahme bedeutet zunächst lediglich, anzuerkennen, was bereits ist.

Erst dann kann ich bewusst entscheiden, was ich damit mache.

Wenn mein Auto kaputt ist, kann ich es reparieren. Wenn mir eine Beziehung nicht guttut, kann ich sie verlassen. Wenn mein Körper krank ist, kann ich ärztliche Hilfe suchen. Wenn mir Unrecht widerfährt, kann ich Grenzen setzen und handeln.

Dafür brauche ich kein Drama.
Ich brauche Klarheit.

Der Unterschied liegt für mich zwischen problemorientiertem Denken und lösungsorientiertem Handeln. Problemorientiertes Denken kreist um das, was falsch ist. Es bewertet, zweifelt, sorgt sich und wiederholt dieselben Gedanken. Lösungsorientiertes Denken erkennt zunächst die Realität an und fragt danach: Was kann ich jetzt tun?

Manchmal lautet die Antwort: handeln.
Manchmal lautet sie: gehen.
Manchmal: warten.

Und manchmal lautet sie schlicht: nichts tun und akzeptieren, dass die Wirklichkeit gerade anders aussieht als meine Vorstellung davon.

Ich glaube deshalb heute tatsächlich: Es gibt sehr viel weniger Probleme, als mein Verstand mir erzählt.

Es gibt Situationen.
Es gibt Konsequenzen.
Es gibt Schmerz.

Und dann gibt es meine Gedanken darüber.

Der Schlüssel liegt für mich darin, diese Dinge nicht miteinander zu verwechseln.


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