Konzept der Stimme


In meinem Kopf gibt es eine Stimme, der Beobachter in mir kann sie wahrnehmen.

Sie kommentiert, bewertet, erinnert, plant, fragt, zweifelt und erzählt Geschichten. Manchmal spricht sie in ganzen Sätzen, manchmal taucht nur ein Wort, ein Bild oder ein Gedanke auf. Ich bezeichne diese Stimme als meinen Denker, meinen Verstand, mein Ego oder mein Ich. Diese Begriffe habe ich lange weitgehend gleichgesetzt. Mittlerweile unterscheide ich genauer zwischen ihnen.

Entscheidend ist für mich zunächst die Erkenntnis, dass ich diese Stimme beobachten kann. Wenn ich einen Gedanken wahrnehmen kann, entsteht zwischen dem Gedanken und mir ein Abstand. Ich muss mich nicht vollständig mit dem identifizieren, was gerade in meinem Kopf erscheint. Die Stimme kann sagen: Das ist gefährlich. Das ist falsch. Das will ich. Das darf nicht sein. Ich kann diesen Gedanken hören und gleichzeitig erkennen: Da ist gerade ein Gedanke.

Damit verändert sich mein Verhältnis zu meinem Verstand.

Ich stelle infrage, ob ich bestimmen kann, welcher Gedanke als Nächstes in mir auftaucht. Vieles scheint aus Erfahrungen, Erinnerungen, Prägungen und Glaubenssätzen heraus zu entstehen. Eine Wahrnehmung trifft auf mein bisheriges Weltbild und löst Assoziationen aus. Der Verstand interpretiert das Wahrgenommene, gibt ihm eine Bedeutung und bewertet es. Aus einer zunächst beobachteten Situation kann so innerhalb kürzester Zeit eine Geschichte entstehen.

Die Stimme ist deshalb für mich weder Gegner noch Wahrheit.
Sie macht Vorschläge: Gedankenangebote.

Ich kann ihr zuhören. Ich kann einen Gedanken weiterdenken. Ich kann ihm glauben. Ich kann ihn überprüfen. Ich kann beobachten, welche Gefühle mit ihm verbunden sind, und ich kann entscheiden, ob daraus eine Handlung entstehen soll.

Genau hier treffen für mich Beobachtung, Bewertung, Entscheidung und Verantwortung aufeinander.

Besonders sichtbar wird dieser Mechanismus bei Widerstand. Etwas geschieht anders, als mein Verstand es erwartet hat, und die Stimme beginnt zu argumentieren: Das sollte anders sein. Das darf nicht passieren. Der andere müsste sich anders verhalten. Ich will das nicht. Aus der Wahrnehmung entsteht eine Interpretation und aus der Interpretation möglicherweise Widerstand. Das Problem liegt dann für mich nicht ausschließlich in dem, was im Außen geschehen ist, sondern auch in meiner Reaktion darauf.

Deshalb ist die Stimme für mich nicht nur Teil des Problems. In ihr liegt auch ein Schlüssel.

Sobald der Verstand seine eigene Tätigkeit erkennen kann, entsteht Bewusstheit. Ich höre nicht mehr nur die Geschichte, sondern bemerke auch, dass gerade eine Geschichte erzählt wird. Ich erkenne Bewertungen als Bewertungen, Erwartungen als Erwartungen und Gedanken als Gedanken. Der Verstand kann sich gewissermaßen selbst beim Denken zuhören. Diesen Vorgang verbinde ich mit Selbsterkenntnis.

An dieser Stelle wird für mich eine Unterscheidung zwischen Verstand und Ego hilfreich. Der Verstand ist zunächst das Werkzeug des Denkens. Er analysiert, plant, erinnert, kategorisiert, vergleicht und löst Probleme. Dafür braucht es noch keine starke Identifikation mit dem Gedanken. Wenn ich eine Strecke berechne, einen Einkauf plane oder ein technisches Problem löse, arbeitet mein Verstand. Das Ego entsteht für mich dort, wo sich dieses Denken mit meiner Identität verbindet: Das bin ich. So bin ich. So muss ich sein. Das gehört zu mir. Das darf mir nicht passieren. Das Ego macht aus Gedanken eine Geschichte über mich.

Damit ist auch meine frühere Gleichsetzung von Stimme, Verstand und Ego zu grob. Nicht jeder Gedanke ist Ego. Der Verstand kann denken, ohne dass ich mich mit seinem Gedanken identifiziere. Und genau deshalb kann der Verstand auch dann weiterarbeiten, wenn die Identifikation mit dem Ego schwächer wird. Wenn in Meditation oder bewusster Beobachtung das persönliche Selbstbild für einen Moment in den Hintergrund tritt, verschwinden Denken und Wahrnehmung nicht zwangsläufig. Ich kann weiterhin unterscheiden, erkennen und beobachten.

Was abnimmt, ist die Identifikation mit dem Inhalt.

Auch meine Persönlichkeit verschwindet dadurch nicht. Erfahrungen, Erinnerungen, Fähigkeiten, Sprache, Vorlieben und Prägungen bleiben Teil dieses Menschen. Konrad bleibt Konrad. Die Frage ist vielmehr, wie fest ich mich mit dieser Persönlichkeit identifiziere. Persönlichkeit beschreibt für mich die gewachsene Form dieses Menschen; Ego beginnt dort, wo daraus eine feste Vorstellung darüber wird, wer ich bin und wer ich sein muss.

Mein Ziel ist deshalb nicht, die Stimme zum Schweigen zu bringen, den Verstand abzuschaffen oder mein Ego zu bekämpfen. Ich brauche meinen Verstand. Auch eine funktionale Identität brauche ich, um mich als Mensch in dieser Welt zu orientieren. Entscheidend ist für mich, ob ich erkenne, was gerade geschieht: Wahrnehmung, Gedanke, Interpretation, Bewertung, Identifikation – und möglicherweise eine Handlung.

Dabei stellt sich auch die Frage, was ich überhaupt Wirklichkeit nenne. Ich erfahre Wirklichkeit durch meine Wahrnehmung, und mein Verstand ordnet und interpretiert diese Wahrnehmung. Die Stimme beschreibt deshalb nicht einfach eine von mir unabhängige Wirklichkeit. Sie ist daran beteiligt, wie Wirklichkeit für mich erscheint. Was unabhängig von meiner Wahrnehmung besteht und was erst durch meinen Verstand Bedeutung erhält, bleibt für mich eine offene Frage.

Ein bewusster Verstand ist für mich daher kein gedankenloser Verstand. Es ist ein Verstand, der seine eigenen Gedanken erkennen kann, ohne sich mit jedem von ihnen identifizieren zu müssen.

Die Stimme darf sprechen. Auch Angst, Urteil, Ablehnung, Kontrolle oder alte Glaubenssätze dürfen darin auftauchen. Entscheidend ist, was danach geschieht. Folge ich dem Gedanken? Glaube ich ihm? Mache ich daraus eine Geschichte über mich oder die Welt? Handle ich danach? Oder nehme ich ihn wahr, lasse ihn stehen und entscheide mich anders?

Ziel könnte daher sein zu erkennen, dass eine Stimme spricht.


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