Realität


Alles, was ich über die Welt weiß, erfahre ich durch Wahrnehmung. Ich sehe einen Baum, höre eine Stimme, spüre meinen Körper, rieche etwas, erinnere mich an eine Situation oder nehme einen Gedanken wahr. All das erscheint in meinem Bewusstsein. Einen unmittelbaren Zugang zu einer Wirklichkeit außerhalb meiner Wahrnehmung habe ich nicht. Ich erfahre immer nur das, was in meinem Bewusstsein erscheint.

Das bedeutet für mich nicht, dass außerhalb meiner Wahrnehmung nichts existiert. Es bedeutet zunächst nur, dass meine Realität immer erfahrene Realität ist. Zwischen einer möglichen äußeren Wirklichkeit und meiner Erfahrung dieser Wirklichkeit liegt mein menschliches System: mein Körper, meine Sinne, mein Verstand, meine Erinnerungen, meine Prägungen, meine Aufmerksamkeit und meine Bewertung.

Zwei Menschen können deshalb dieselbe Situation erleben und trotzdem in unterschiedlichen Realitäten leben. Sie sehen möglicherweise dasselbe Ereignis, hören dieselben Worte und stehen am selben Ort. Trotzdem richtet sich ihre Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Einzelheiten. Sie erinnern sich an unterschiedliche Erfahrungen, verbinden andere Bedeutungen damit und erzeugen daraus unterschiedliche Gedanken und Gefühle.

An diesem Punkt beginnt für mich die Gestaltung meiner Realität.

In mir gibt es Bewusstsein. Auf diesem Bewusstsein setzt der menschliche Verstand auf. Dazu gehört der Beobachter als bewusste Funktion dieses Verstandes. Der Körper wiederum ist Teil dieses menschlichen Systems und folgt seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten. Ich kann nicht einfach beschließen, keinen Sauerstoff mehr zu benötigen oder meine Körpertemperatur beliebig festlegen zu wollen. Ich bewege mich innerhalb von Bedingungen.

Auch meine Gedanken scheinen zunächst nicht vollständig meiner Kontrolle zu unterliegen. Ein Gedanke taucht auf. Eine Erinnerung erscheint. Ein Satz läuft durch meinen Kopf. Eine Befürchtung meldet sich. Ich kann häufig nicht bestimmen, welcher Gedanke als Nächstes erscheint.

Aber damit endet mein Einfluss nicht.

Ich kann wahrnehmen, dass ein Gedanke aufgetaucht ist. Ich kann meine Aufmerksamkeit darauf richten oder von ihm lösen. Ich kann ihm glauben oder ihn infrage stellen. Ich kann ihn weiterdenken oder ihn stehen lassen. Ich kann ihn bewerten, bestätigen oder mich gegen die Handlung entscheiden, die er mir vorschlägt.

Wenn ich also davon spreche, meine Gedanken zu wählen, meine ich nicht unbedingt, dass ich jeden Gedanken erschaffe, bevor er in meinem Kopf erscheint. Ich wähle, welchen Gedanken ich aufnehme, welchem ich Bedeutung gebe und welchen Gedanken ich zu einem Teil meiner Geschichte mache.

Ein Gedanke kann auftauchen: „Das schaffe ich nicht.“

Ich kann ihn hören und ihm glauben. Dann verändert er möglicherweise meine Körperhaltung, meine Stimmung, meine Aufmerksamkeit und schließlich mein Handeln. Ich suche nach Hinweisen, die ihn bestätigen. Ich ziehe mich zurück oder beginne gar nicht erst.

Ich kann denselben Gedanken aber auch beobachten und sagen: Da ist der Gedanke, dass ich das nicht schaffe.

Damit entsteht bereits Abstand. Der Gedanke ist noch da, aber er bestimmt mich nicht vollständig. Ich kann meine Aufmerksamkeit auf andere Möglichkeiten richten, andere Erfahrungen erinnern und anders handeln.

Genau dort liegt für mich eine Form von Freiheit.

Meine Realität wird nicht ausschließlich von dem bestimmt, was mir geschieht. Sie wird auch davon geprägt, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte, was ich glaube, wie ich das Wahrgenommene interpretiere und welche Handlung daraus folgt.

Aufmerksamkeit ist dabei ein entscheidendes Werkzeug. In jedem Moment gibt es mehr Informationen, als mein bewusster Verstand gleichzeitig aufnehmen kann. Ich wähle einen Ausschnitt. Was ich betrachte, wird größer in meiner Wahrnehmung. Was ich immer wieder beachte, gewinnt Gewicht. Was ich ständig denke und glaube, prägt mein Weltbild.

Damit kann ich mein Leben aktiv gestalten.

Ich kann lernen. Ich kann meine Perspektive verändern. Ich kann Überzeugungen überprüfen. Ich kann entscheiden, welche Gedanken ich weiterführe. Ich kann handeln, Gewohnheiten verändern, einen Ort verlassen, einen Menschen ansprechen, eine Beziehung beenden, etwas Neues beginnen oder bewusst nichts tun.

All diese Entscheidungen verändern meine weitere Erfahrung.

In diesem Sinn erzeugt das Innere Folgen im Außen.

Ein Gedanke beeinflusst eine Bewertung. Eine Bewertung beeinflusst eine Entscheidung. Eine Entscheidung beeinflusst eine Handlung. Eine Handlung verändert die Situation, in der ich mich anschließend wiederfinde.

Ich gestalte Realität von innen nach außen.

Die entscheidende Frage ist für mich allerdings, wie weit diese Gestaltungsmöglichkeit reicht.

Im Inneren erscheint mein Einfluss zunächst sehr groß. Wenn ich bewusst bin, kann ich beobachten, auswählen, bewerten und entscheiden. Aber ist dieser innere Gestaltungsspielraum absolut?

Auch diese Frage lasse ich offen.

Denn selbst der Beobachter, der glaubt zu entscheiden, ist Teil meines menschlichen Systems. Woher kommt die Entscheidung, einem Gedanken nicht zu glauben? Woher kommt der Impuls, die Aufmerksamkeit genau jetzt umzulenken? Habe „ich“ diese Entscheidung vollständig erzeugt, oder ist auch sie bereits aus Bedingungen entstanden, die mir nicht bewusst sind?

Vielleicht besitzt der bewusste Verstand große Freiheit innerhalb eines Rahmens, den er selbst nicht vollständig überblickt.

Vielleicht reicht diese Freiheit noch weiter.

Ich weiß es nicht.

Diese offene Grenze gehört für mich zum Thema Realität dazu.

Noch deutlicher wird die Begrenzung, sobald meine innere Welt auf das Außen trifft.

Ich kann entscheiden, jemanden anzusprechen. Ich kann aber nicht bestimmen, wie dieser Mensch reagiert. Ich kann Liebe anbieten, aber keine Liebe erzwingen. Ich kann meine Sicht erklären, aber nicht festlegen, was der andere versteht. Ich kann eine Handlung setzen, aber ihre vollständigen Folgen nicht kontrollieren.

Im Kontakt mit anderen Menschen treffen Wirklichkeiten aufeinander.

Jeder Mensch bringt seine eigene Wahrnehmung, Geschichte, Aufmerksamkeit, Bewertung und Entscheidung mit. Meine Gestaltungsmacht endet deshalb nicht plötzlich an der Grenze meiner Haut, aber sie trifft dort auf andere Systeme und auf Bedingungen, die nicht ausschließlich meiner Verfügung unterliegen.

Trotzdem beginnt auch diese äußere Realität im Inneren.

Meine innere Haltung beeinflusst, wie ich einem Menschen begegne. Meine Erwartungen beeinflussen mein Verhalten. Mein Verhalten beeinflusst seine Reaktion. Seine Reaktion beeinflusst wiederum mich.

Innen und Außen stehen damit in einem fortlaufenden Wechselverhältnis.

Meine eigene Weltsicht geht an dieser Stelle noch weiter.

Ich bin überzeugt, dass Bewusstsein nicht lediglich ein Produkt des Gehirns ist. Für mich ist Bewusstsein grundlegender als der menschliche Verstand und grundlegender als die materielle Welt, die ich erfahre. Der Körper, das Gehirn, meine Gedanken und die Welt erscheinen innerhalb dieses Bewusstseins.

Diese Aussage ist keine naturwissenschaftlich bewiesene Tatsache. Sie ist eine metaphysische Grundannahme meines Weltbildes und eine Überzeugung, die für mich aus meiner eigenen Erfahrung und meinem bisherigen Denken entstanden ist.

Aus dieser Sicht ist die Trennung zwischen Innen und Außen möglicherweise grundsätzlich weniger eindeutig, als sie auf den ersten Blick erscheint.

Ich glaube, dass das, was in mir geschieht, und das, was mir begegnet, miteinander verbunden ist. Ich beobachte in meinem eigenen Leben Begegnungen, Wiederholungen und Situationen, die für mich zu meinen inneren Themen passen. Ich erlebe die äußere Welt deshalb nicht als vollständig unabhängige Bühne, auf der ein isolierter Konrad zufällig herumläuft.

Wie genau diese Verbindung funktioniert, kann ich nicht beweisen.

Und genau hier beginnt für mich der interessante Grenzbereich.

Wie viel Realität erschaffe ich?
Wie viel Realität beeinflusse ich?
Wie viel Realität geschieht unabhängig von meiner bewussten Entscheidung?
Und wie viel von dem, was ich für unabhängig halte, ist vielleicht doch Teil eines größeren Zusammenhangs, den mein Verstand noch nicht erkennen kann?

Ein Teil von mir sagt: Ich kann meine Realität vollständig erschaffen.

Ein anderer Teil sieht die offensichtlichen Grenzen meines Körpers, anderer Menschen und der Welt.

Für mich müssen sich diese beiden Sichtweisen nicht vollständig widersprechen.

Ich kann innerhalb meiner Erfahrung zugleich Gestalter und Teil eines größeren Geschehens sein.

Ich kann verantwortlich für meine Gedanken, Bewertungen und Handlungen sein und gleichzeitig anerkennen, dass ich nicht alles überblicke.

Ich kann meine Realität formen und trotzdem nicht jedes Ereignis kontrollieren.

Vielleicht liegt genau darin die scheinbare Dualität: Meine Gestaltungsmöglichkeiten sind real. Meine Begrenzungen sind ebenfalls real.

Ich bin frei – innerhalb von Bedingungen.

Und möglicherweise sind selbst diese Bedingungen wiederum Teil einer Wirklichkeit, deren Zusammenhang größer ist als das, was mein menschlicher Verstand im Augenblick verstehen kann.