Widerstand, Leid und Loslassen


Widerstand beginnt für mich dort, wo das, was ist, auf eine Vorstellung davon trifft, wie es sein sollte. Ich erwarte A und erlebe B. Ein Mensch verhält sich anders als erwartet, eine Situation entwickelt sich anders als geplant, mein Körper fühlt sich anders an, als ich es möchte. Das Ereignis selbst ist zunächst eine Wahrnehmung. Der Verstand vergleicht diese Wahrnehmung mit seinen Erwartungen, Vorstellungen und Erfahrungen und beginnt zu bewerten. Aus „Es ist B“ wird „Es sollte A sein“. Genau in dieser Differenz entsteht Widerstand.

Der Versuch, Widerstand vollständig aufzulösen, führt häufig zu einem neuen Anspruch. Loslassen wird dann als Ziel verstanden, das erreicht werden muss. Dadurch entsteht erneut ein Spannungsfeld, in dem das, was ist, verändert werden soll. Auch dieser Prozess kann zu weiterer Anspannung führen, da er auf Kontrolle basiert.

Ein veränderter Umgang mit Widerstand besteht darin, ihn selbst als Teil der Erfahrung zu erkennen. Widerstand kann wahrgenommen werden, ohne dass er sofort verändert oder überwunden werden muss. In diesem Erkennen verliert er einen Teil seiner verstärkenden Wirkung, da die zusätzliche Ablehnung nicht weitergeführt wird.

Wenn die Wirklichkeit meiner Vorstellung widerspricht

Eine Erwartung ist ein Gedanke über eine Wirklichkeit, die noch nicht eingetreten ist. Sie kann sinnvoll sein. Ich plane, entscheide und handle auf Grundlage meiner Erfahrungen und Vorstellungen. Schwierig wird es dort, wo aus einer Möglichkeit eine innere Forderung wird. Dann möchte ich nicht mehr nur A, sondern ich brauche A, damit es mir gut geht. Tritt B ein, beginnt die Stimme im Kopf zu argumentieren: Das hätte anders laufen müssen. Das darf nicht sein. Der andere hätte anders handeln sollen. Ich hätte anders handeln müssen.

Das Ereignis ist bereits geschehen. Mein Widerstand verändert es nicht. Er fügt dem Geschehen allerdings etwas hinzu: meine Geschichte darüber. Ich kann körperlichen Schmerz empfinden, enttäuscht werden, etwas verlieren oder Angst erleben. Leid bezeichnet für mich deshalb nicht einfach jede unangenehme Erfahrung.

Leid entsteht dort, wo ich mich innerlich gegen eine Erfahrung stelle und an einer anderen Wirklichkeit festhalte.

Anhaften und Leid

An dieser Stelle berührt meine Sicht eine zentrale Idee buddhistischer Lehren. Leid hängt dort eng mit Begehren, Anhaften und Ablehnung zusammen. Ich möchte einen Zustand festhalten, einen anderen erreichen oder einen gegenwärtigen Zustand loswerden. Der Widerstand kann deshalb in beide Richtungen wirken: Ich klammere mich an das Angenehme und wehre mich gegen das Unangenehme.

Für mich steckt dahinter derselbe Mechanismus. Der Verstand entwickelt eine Vorstellung, bewertet das Erlebte und identifiziert sich mit seiner Bewertung. Ich glaube der Stimme im Kopf, statt sie als Gedanken zu erkennen. Aus „Ich möchte, dass es anders ist“ wird „Es muss anders sein“. Aus einer persönlichen Präferenz entsteht eine Forderung an die Wirklichkeit. Je stärker meine Bindung an diese Vorstellung ist, desto größer kann mein Widerstand werden, wenn das Leben ihr widerspricht.

Vipassana: beobachten statt reagieren

Während meiner Vipassana-Erfahrung wurde dieser Zusammenhang für mich körperlich erfahrbar. Beim langen Sitzen tauchen Empfindungen auf: Druck, Kribbeln, Hitze, Unruhe und Schmerz. Der gewohnte Impuls lautet, die Position zu verändern und die unangenehme Empfindung zu beenden. Vipassana lädt stattdessen dazu ein, zunächst zu beobachten.

Damit verändert sich etwas Entscheidendes. Da ist Schmerz – und gleichzeitig gibt es eine Instanz, die diesen Schmerz wahrnehmen kann. Ich muss ihn weder wegdenken noch erklären. Ich muss nicht unmittelbar nach seiner Bedeutung oder Ursache suchen. Ich kann beobachten, was geschieht. Die Empfindung entsteht, verändert sich und vergeht wieder. Genau darin begegnet mir Anicca, die buddhistische Lehre von der Vergänglichkeit: Auch dieser Zustand bleibt nicht.

Für mich bedeutet Annahme deshalb nicht, Schmerz gutzuheißen oder unnötiges Leiden auszuhalten. Wenn mein Körper Schutz oder eine Handlung braucht, kann ich handeln.

Annahme bezeichnet den Schritt davor: Ich erkenne zunächst an, dass das, was gerade ist, bereits ist.

Erst dann entscheide ich bewusst, wie ich damit umgehen möchte.

Beobachter und Stimme im Kopf

Hier liegt für mich die Verbindung zwischen Widerstand und Bewusstsein. Solange ich vollständig mit der Stimme im Kopf identifiziert bin, erscheint ihre Bewertung als Wirklichkeit. Der Gedanke „Das darf nicht sein“ fühlt sich dann an wie eine Tatsache. Im Beobachter entsteht Abstand. Ich kann wahrnehmen: Da ist eine Situation. Da ist eine Körperempfindung. Da ist ein Gedanke darüber. Da ist eine Bewertung. Und da ist vielleicht der Wunsch, dass all das anders sein soll.

Diese Unterscheidung beseitigt die Erfahrung nicht. Sie verändert meine Beziehung zu ihr. Ich muss dem Gedanken nicht weiter folgen und aus ihm eine Geschichte bauen. Ich kann ihn wahrnehmen, ohne ihm die Entscheidung über mein weiteres Denken und Handeln zu überlassen. Darin liegt für mich Verantwortung: Nicht darin, alles kontrollieren zu können, was geschieht oder in mir auftaucht, sondern darin, wie ich dem begegne, was ich wahrnehme.

Annahme ist keine Passivität

Der Begriff Annahme kann leicht missverstanden werden. Wenn ich Widerstand aufgebe, heißt das nicht, dass ich alles geschehen lasse, keine Grenzen setze oder keine Veränderung anstrebe. Ich kann eine Situation vollständig als gegenwärtige Wirklichkeit anerkennen und mich gleichzeitig entscheiden, sie zu verändern.

Der Unterschied liegt für mich in der Ausgangsposition. Widerstand sagt: Das darf nicht so sein. Annahme sagt: Es ist so. Und was tue ich jetzt damit? Erst aus dieser Anerkennung heraus wird Handlung für mich klar. Ich muss keine Energie darauf verwenden, die bereits eingetretene Wirklichkeit innerlich zu bekämpfen. Ich kann meine Aufmerksamkeit auf das richten, was tatsächlich in meinem Einflussbereich liegt.

Loslassen

Loslassen beschreibt in diesem Zusammenhang keinen aktiven Vorgang, sondern das Ausbleiben von weiterem Widerstand. Wenn der Versuch entfällt, Erfahrung zu verändern oder festzuhalten, entsteht Raum für Veränderung, ohne dass sie erzwungen wird. Loslassen ist damit kein Ziel, sondern eine Folge davon, dass Widerstand nicht weiter aufrechterhalten wird.

Loslassen bedeutet für mich nicht, dass mir etwas gleichgültig wird. Ich lasse meine Forderung los, dass die Wirklichkeit meiner Vorstellung entsprechen muss. Ich darf Wünsche haben, Ziele verfolgen, Beziehungen gestalten und Entscheidungen treffen. Ich darf versuchen, Einfluss zu nehmen.

Was ich nicht bestimmen kann, ist das Ergebnis.

Genau hier treffen sich für mich Widerstand, Kontrolle und Vertrauen. Kontrolle versucht, aus einer Vorstellung ein bestimmtes Ergebnis herzustellen. Widerstand entsteht, wenn die Wirklichkeit dieser Vorstellung widerspricht. Vertrauen lässt offen, was daraus wird. Ich handle, ohne vom Leben zu verlangen, dass es meinen Plan erfüllt.

Vielleicht liegt darin für mich die einfachste Beschreibung von Leid:

Ich leide nicht nur an dem, was geschieht.
Ich leide auch an meinem Gedanken, dass es anders sein sollte.

Und genau dort beginnt eine Möglichkeit, indem ich mich anders entscheide. Ich kann beobachten. Ich kann fühlen. Ich kann annehmen, was bereits da ist. Ich kann entscheiden, ob eine Handlung notwendig ist. Und ich kann wieder loslassen.


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