Bewusstheit


Leben findet im gegenwärtigen Moment statt. Erleben findet ausschließlich gegenwärtigen Moment statt.

Alles, was ich tatsächlich wahrnehmen, fühlen, denken oder erfahren kann, geschieht jetzt. Die Vergangenheit erscheint als Erinnerung, die Zukunft als Vorstellung. Auch beide erscheinen im gegenwärtigen Moment. Bewusstheit beginnt für mich genau hier: bei der Wahrnehmung dessen, was gerade da ist.

Ich kann den Wind auf meiner Haut spüren, einen Ton hören, meinen Atem wahrnehmen oder eine Spannung im Körper bemerken. Gleichzeitig können Gedanken auftauchen. Der Verstand erinnert sich, vergleicht, bewertet, erklärt oder beschäftigt sich bereits mit dem, was als Nächstes passieren könnte. Auch das ist Teil meiner gegenwärtigen Erfahrung. Bewusstheit bedeutet, dieses Geschehen wahrzunehmen: das Außen, meinen Körper, meine Gefühle und ebenso das Denken selbst.

Begriffe wie Achtsamkeit, Gewahrsein, Präsenz, Aufmerksamkeit und Wahrnehmung liegen deshalb sehr nah an dem, was ich mit Bewusstheit beschreibe.

Wahrnehmung bringt etwas in meine Erfahrung.
Aufmerksamkeit richtet sich auf einen bestimmten Ausschnitt.
Gewahrsein beschreibt das Bemerken dessen, was vorhanden ist.
Präsenz bezeichnet für mich das unmittelbare Dasein im gegenwärtigen Moment.
Achtsamkeit ist eine Haltung, mit der ich diesem Moment begegne.

Bewusstheit verbindet diese Vorgänge miteinander und schließt auch die Fähigkeit ein, das eigene Denken wahrzunehmen.

Hier kommt der Beobachter ins Spiel. Gedanken können entstehen, ohne dass ich mich bewusst für sie entschieden habe. Der Beobachter bemerkt, dass gedacht wird. Dadurch wird aus dem denkenden Verstand ein Verstand, der sich zumindest teilweise selbst wahrnehmen kann. Ich kann einen Gedanken hören, ohne ihn sofort für wahr halten zu müssen. Ich kann ein Gefühl spüren, ohne es unmittelbar erklären zu müssen. Ich kann eine Körperempfindung wahrnehmen und für einen Moment einfach bei ihr bleiben.

Bewusstheit ist für mich deshalb eng mit Gleichgewicht verbunden. Denken ist eine wichtige menschliche Fähigkeit. Wir brauchen den Verstand, um zu planen, zu verstehen, zu unterscheiden, zu lernen und zu handeln. Gleichzeitig kann Denken so viel Raum einnehmen, dass andere Teile der Wahrnehmung kaum noch vorkommen. In meinem Modell liegt an diesem Pol die vollständige Identifikation mit dem Denker: Gedanken bestimmen das Erleben, während der Kontakt zum Körper, zum Fühlen und zur unmittelbaren Wahrnehmung immer weiter in den Hintergrund tritt. Am anderen Pol steht die reine Wahrnehmung, das vollständige Aufgehen im unmittelbaren Erleben. Der menschliche Alltag bewegt sich zwischen diesen Polen.

Dabei erscheint mir die Frage nach einem exakten Maß der Bewusstheit inzwischen gar nicht besonders wichtig. Entscheidend ist der einzelne Moment. Bin ich gerade bei dem, was geschieht? Bemerke ich meinen Körper? Höre ich meinem Gegenüber tatsächlich zu? Sehe ich die Landschaft vor mir oder bin ich währenddessen vollständig in einem inneren Gespräch verschwunden? Und bemerke ich vielleicht sogar, dass ich gerade verschwunden war? Auch diese Rückkehr ist Bewusstheit.

Sie richtet sich damit zugleich nach innen und nach außen. Ich nehme wahr, was in mir geschieht, und ich nehme wahr, womit ich in Beziehung stehe. Andere Menschen werden nicht nur zu Figuren in meiner eigenen Geschichte. Ich kann ihre Reaktionen, ihre Grenzen und ihre Perspektive sehen und gleichzeitig beobachten, was die Begegnung in mir auslöst. Daraus kann Verantwortung entstehen: für meine Worte, mein Verhalten und meinen Anteil an dem Raum, der zwischen Menschen entsteht.

Dasselbe gilt für die Natur. Ich kann einen Baum ansehen und sofort beginnen, ihn zu benennen, einzuordnen oder über ihn nachzudenken. Ich kann ihn auch sehen. Ich kann den Wind hören, die Temperatur spüren, einen Geruch wahrnehmen oder die Bewegung eines Tieres beobachten. In solchen Momenten wird sehr unmittelbar erfahrbar, dass ich selbst Teil dieser Umgebung bin. Mein Körper steht fortwährend mit ihr in Austausch.

Für mich reicht Bewusstheit darüber hinaus in eine spirituelle Dimension. Ich bin überzeugt, dass der Mensch mehr ist als sein Körper, seine Persönlichkeit und die Stimme in seinem Kopf. Bewusstsein verstehe ich als etwas Grundlegenderes, das sich im Menschen und durch den Menschen erfahren kann. Diese Vorstellung gehört zu meiner metaphysischen Weltsicht und ist keine wissenschaftlich gesicherte Aussage. Im gegenwärtigen Moment kann jedoch unmittelbar erfahrbar werden, dass zwischen einem Gedanken und dem, was diesen Gedanken wahrnimmt, ein Unterschied besteht. Für mich beginnt genau dort die Frage nach dem, was hinter oder unter meiner gewohnten Vorstellung von mir selbst liegt.

Im Begriff Bewusstheit verdichten sich deshalb viele der Grundlagen, die ich einzeln beschreibe: Bewusstsein, Beobachter, Verstand, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedanken, Gefühle, Interpretation und Gleichgewicht. Bewusstheit bezeichnet ihr Zusammenspiel im gegenwärtigen Moment. Ich denke, ich fühle, ich nehme wahr – und ich kann bemerken, dass all dies gerade geschieht.

Vielleicht ist das bereits eine der einfachsten Beschreibungen von Bewusstheit: anwesend sein bei dem, was jetzt ist.