Jeder hat Recht.
Dieser Satz klingt zunächst wie eine Absage an jede Unterscheidung zwischen wahr und falsch. So ist er nicht gemeint. Er beschreibt eine Grundhaltung, mit der ich anderen Menschen begegnen möchte: Jeder Mensch nimmt die Welt aus seiner eigenen Perspektive wahr. Diese Perspektive ist zunächst gültig, weil sie seine gegenwärtige Wirklichkeit beschreibt.
Keiner von uns nimmt die Wirklichkeit vollständig und ungefiltert wahr. Wir sehen Ausschnitte. Unsere Sinne erfassen nur einen begrenzten Teil dessen, was vorhanden ist, und unsere Aufmerksamkeit wählt daraus noch einmal aus. Erfahrungen, Erinnerungen, Erwartungen, Bedürfnisse, Ängste, kulturelle Prägungen und bewusste wie unbewusste Glaubenssätze beeinflussen, was wir überhaupt bemerken und welche Bedeutung wir ihm geben.
Das Ego, der Verstand oder die persönliche Identität wirken dabei wie eine Linse. Durch diese Linse schauen wir auf die Welt. Was wir sehen, erscheint uns nicht wie eine mögliche Perspektive, sondern zunächst wie die Wirklichkeit selbst.
Deshalb können zwei Menschen dieselbe Situation erleben und anschließend etwas völlig Unterschiedliches darüber berichten. Beide haben einen anderen Ausschnitt wahrgenommen, ihn mit ihrer bisherigen Erfahrung verbunden und daraus ihre jeweilige innere Wirklichkeit gebildet. Nicht zwangsläufig lügt einer von ihnen. Nicht zwangsläufig hat einer richtig und der andere falsch hingeschaut. Beide beschreiben zunächst das, was aus ihrem jeweiligen Standort sichtbar war.
In diesem Sinn hat jeder aus seiner Perspektive erst einmal recht.
Damit meine ich nicht, dass jede Behauptung gleichermaßen belegt ist. Aussagen können überprüft, miteinander verglichen und anhand gemeinsamer Maßstäbe beurteilt werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse, Messungen und gesellschaftliche Übereinkünfte schaffen verlässliche Bezugssysteme. Doch auch sie sind keine allwissende Sicht von außerhalb. Sie beruhen auf Methoden, Voraussetzungen und dem jeweils verfügbaren Wissen. Sie können sehr gut begründet sein und bleiben trotzdem grundsätzlich überprüfbar und veränderbar.
Wenn ich etwas als sachlich richtig oder falsch bezeichne, tue ich das daher immer innerhalb eines bestimmten Rahmens. Dieser Rahmen kann überzeugend, logisch und durch viele Beobachtungen gestützt sein. Er ist dennoch ein Rahmen. Auch ich betrachte die Welt nicht von einem neutralen Ort aus.
Das bedeutet nicht, dass alle Aussagen gleich tragfähig sind. Manche Perspektiven berücksichtigen mehr Informationen, sind widerspruchsfreier oder halten einer Überprüfung besser stand als andere. Trotzdem gibt mir das nicht das Recht, den Menschen hinter einer anderen Perspektive als falsch abzuwerten.
Genau hier beginnt für mich das Sehen des anderen.
Ich muss deine Sicht nicht teilen. Sie kann meinem Weltbild vollständig widersprechen. Ich kann sie unlogisch, verstörend oder sogar menschenfeindlich finden. Dennoch kann ich anerkennen, dass sie nicht aus dem Nichts entstanden ist. Sie ist aus deiner Erfahrung, deinen Prägungen, deinen Verletzungen, deinen Ängsten und deinen Überzeugungen hervorgegangen. Innerhalb deines Bezugssystems kann sie plausibel und stimmig erscheinen. Sonst würdest du vermutlich nicht an ihr festhalten.
Ich sehe dich mit deiner Sicht.
Diese Anerkennung ist keine Zustimmung. Sie macht eine menschenfeindliche Überzeugung nicht menschlich und eine schädliche Handlung nicht unschädlich. Sie hebt Verantwortung nicht auf. Ich darf widersprechen, Grenzen setzen, mich schützen und mich einer Handlung entgegenstellen. Eine Perspektive als vorhanden und für ihren Träger wirklich anzuerkennen bedeutet nicht, ihre Umsetzung zu erlauben oder ihre Folgen hinzunehmen.
Legitim ist die Perspektive in diesem Zusammenhang zunächst als Teil der inneren Wirklichkeit eines Menschen. Sie existiert. Sie hat eine Geschichte. Sie darf gesehen werden. Daraus folgt kein Anspruch darauf, dass andere ihr zustimmen oder nach ihr handeln müssen.
Verstehen bedeutet für mich deshalb, einen Menschen von seinem Standort aus zu betrachten. Ich muss mich nicht an diesen Ort stellen und ihn nicht zu meinem eigenen machen. Ich versuche zu erkennen, was von dort aus sichtbar ist. Vielleicht bleibt mir seine Sicht fremd. Vielleicht kann ich sie nur teilweise nachvollziehen. Doch ich muss sie nicht beseitigen, damit ich den Menschen sehen kann.
Auch meine eigene Perspektive bleibt dabei eine Perspektive. Wenn ich den anderen bewerte, geschieht dies durch meine Erfahrungen, Werte und Überzeugungen. Das macht mein Urteil nicht bedeutungslos, erinnert mich aber an seine Begrenztheit. Ich kann klar Stellung beziehen, ohne mich zum Besitzer der vollständigen Wahrheit zu erklären.
Diese Haltung gelingt mir nicht immer. Manche Sichtweisen lösen unmittelbar Widerstand, Ablehnung oder Abwehr in mir aus. Der Satz „Jeder hat Recht“ beschreibt daher keinen Zustand, den ich jederzeit erreiche. Er ist eine theoretische Grundannahme und ein Maßstab, an dem ich meine Begegnungen überprüfe.
Kann ich den anderen sehen, obwohl ich ihm widerspreche?
Kann ich seine Perspektive stehen lassen, ohne meine eigene aufzugeben?
Kann ich versuchen zu verstehen, bevor ich verurteile?
Im menschlichen Miteinander begegnen sich keine neutralen Beobachter. Es begegnen sich verschiedene innere Wirklichkeiten. Verstehen beginnt für mich dort, wo ich diese Verschiedenheit anerkenne und den Menschen nicht auf die Frage reduziere, ob seine Sicht in mein Weltbild passt.
Jeder hat Recht – aus seiner Perspektive.
Dieser Satz erklärt nicht alles und entschuldigt nicht alles. Er erinnert mich daran, dass jeder Mensch von einem anderen Standort aus in eine Wirklichkeit blickt, die keiner von uns vollständig erfassen kann.
Ihn dort zu sehen, ist für mich der Anfang von Verstehen.