Erwartungen


Erwartungen sind Gedanken über etwas, das noch nicht geschehen ist.

Immer wenn ich glaube zu wissen, wie ein Mensch reagieren sollte, wie sich eine Situation entwickeln müsste oder was das Leben mir geben oder nehmen wird, bewege ich mich bereits in einer Vorstellung der Zukunft.

Diese Vorstellung entsteht nicht zufällig.

Sie wächst aus meinen Erfahrungen, meinen Prägungen, meinen Konzepten und meinem Weltbild. Alles, was ich bisher erlebt habe, beeinflusst unbewusst, was ich vom nächsten Moment erwarte. Deshalb haben zwei Menschen oft völlig unterschiedliche Erwartungen an dieselbe Situation.

Erwartungen wirken zunächst harmlos. Sie geben Orientierung und helfen dem Verstand, sich in einer komplexen Welt zurechtzufinden. Problematisch werden sie erst dann, wenn ich sie für die Wirklichkeit halte.

Denn in diesem Moment höre ich auf, offen zu beobachten.

Ich vergleiche das, was geschieht, mit dem, was ich mir vorgestellt habe. Entspricht die Realität meiner Erwartung, fühle ich mich bestätigt. Weicht sie davon ab, entstehen Enttäuschung, Widerstand oder Frustration – Leid. Nicht weil das Leben falsch wäre, sondern weil ich innerlich bereits entschieden hatte, wie es sein sollte.

Je unbewusster meine Erwartungen sind, desto stärker bestimmen sie mein Erleben. Ich glaube dann nicht mehr, die Welt zu sehen, sondern nur noch die Bestätigung oder Widerlegung meiner eigenen Vorstellungen.

Vielleicht beginnt Freiheit genau an diesem Punkt.

Nicht indem ich aufhöre, Erwartungen zu haben. Das wird dem Verstand vermutlich nie vollständig gelingen. Sondern indem ich sie erkenne.

Ich kann bemerken, dass ich gerade etwas erwarte.
Ich kann mich fragen, woher diese Erwartung kommt.

Ist sie aus eigener Erfahrung entstanden? Habe ich sie von anderen übernommen? Ist sie Ausdruck einer Angst oder eines Wunsches?

Allein diese Fragen schaffen Abstand.

Aus diesem Abstand entsteht die Möglichkeit, dem Leben wieder offen zu begegnen. Nicht alles muss so kommen, wie ich es mir vorstelle. Vielleicht hält die Wirklichkeit etwas bereit, das außerhalb meiner bisherigen Vorstellungen liegt.

Erwartungen richten den Blick auf eine gedachte Zukunft.

Vertrauen dagegen öffnet den Blick für das, was tatsächlich kommt.

Erwartungen sind dazu da um enttäuscht zu werden.


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