Wenn ich davon ausgehe, dass Bewusstsein nicht vom Gehirn erzeugt wird, sondern grundlegender ist als Materie, dann wird eine bestimmte Gruppe menschlicher Erfahrungen für mich besonders interessant: Nahtoderfahrungen, im Englischen Near-Death Experiences oder kurz NDE.
Menschen berichten dabei nach lebensbedrohlichen Situationen von außergewöhnlich klaren Erfahrungen: dem Eindruck, den eigenen Körper von außen wahrzunehmen, Gespräche zu hören, verstorbene Menschen zu begegnen, Licht zu sehen oder sich in einem Zustand ungewöhnlicher Klarheit und Verbundenheit zu befinden.
Für sich genommen beweist das zunächst gar nichts. Ein intensives subjektives Erlebnis ist noch kein Nachweis dafür, dass Bewusstsein unabhängig vom Gehirn existieren kann.
Interessant wird es für mich dort, wo Menschen Dinge berichten, die während eines Herzstillstands oder einer Reanimation geschehen sein sollen und später mit tatsächlichen Ereignissen verglichen werden können.
Der Gebiss-Fall
Einer der bekanntesten Fälle wurde 2001 in einer prospektiven niederländischen Untersuchung unter Leitung des Kardiologen Pim van Lommel in The Lancet beschrieben.
Insgesamt wurden 344 erfolgreich reanimierte Patienten untersucht. 62 von ihnen – rund 18 Prozent – berichteten Erinnerungen, die als Nahtoderfahrung eingestuft wurden.
Besonders auffällig ist ein Fall aus der Pilotphase der Untersuchung.
Ein 44-jähriger Mann wurde komatös und unter laufender Reanimation in eine Klinik eingeliefert. Ein Pfleger entfernte vor der Intubation das Gebiss des Patienten und legte es in eine Schublade des Reanimationswagens. Mehr als eine Woche später erkannte der wieder genesene Patient genau diesen Pfleger wieder und erklärte ihm, wo dieser während der Reanimation sein Gebiss abgelegt hatte. Außerdem beschrieb er den Raum und Teile der Reanimationssituation aus einer Perspektive oberhalb seines Körpers. Der Pfleger bestätigte wesentliche Teile dieser Schilderung.
Für mich ist dieser Fall bemerkenswert.
Aber ich würde daraus nicht machen, was teilweise daraus gemacht wird.
Es gab während dieser konkreten Erfahrung keine kontinuierliche EEG-Messung, mit der sich beweisen ließe, dass zu genau diesem Zeitpunkt keinerlei relevante Gehirnaktivität vorhanden war. Auch der genaue Zeitpunkt der berichteten Wahrnehmungen lässt sich nachträglich nicht sekundengenau bestimmen.
Der Fall ist deshalb kein Beweis für Bewusstsein ohne Gehirn.
Er ist eine dokumentierte Beobachtung, die eine interessante Frage hinterlässt.
AWARE: Bewusstsein während der Reanimation
Genau diese Frage versuchte Sam Parnia mit der internationalen AWARE-Studie systematischer zu untersuchen.
Die 2014 veröffentlichte Studie erfasste 2.060 Herzstillstände. 140 Überlebende konnten zunächst interviewt werden. Rund zwei Prozent beschrieben ausdrücklich Erinnerungen daran, während der Reanimation tatsächliche Vorgänge gesehen oder gehört zu haben. Bei einem Patienten konnten Teile einer solchen Erinnerung zeitlich mit dokumentierten Ereignissen während der Reanimation in Verbindung gebracht werden. Die Autoren bezeichneten dies als einen verifizierbaren Zeitraum bewusster Wahrnehmung zu einem Zeitpunkt, an dem eine solche Hirnfunktion nicht erwartet worden war.
Auch das ist kein Nachweis eines vom Körper getrennten Bewusstseins.
Aber es zeigt, warum ich die Frage nicht einfach mit dem Satz abhaken möchte:
Das Gehirn war gestört, also kann dort keine Erfahrung stattgefunden haben.
Offensichtlich ist die Situation komplizierter.
AWARE II macht die Sache noch interessanter
Die Nachfolgestudie AWARE II aus dem Jahr 2023 ist für mich gerade deshalb wichtig, weil sie eine zu einfache spirituelle Interpretation ebenfalls korrigiert.
Bei 567 Herzstillständen im Krankenhaus wurden während der Reanimation unter anderem EEG und Sauerstoffversorgung des Gehirns gemessen. 28 Überlebende konnten anschließend interviewt werden. Elf berichteten Erinnerungen oder Wahrnehmungen, die auf unterschiedliche Formen von Bewusstheit hindeuteten.
Gleichzeitig fand die Studie etwas Entscheidendes:
Während längerer Reanimationen konnten noch nach 35 bis 60 Minuten EEG-Muster auftreten, die die Autoren mit einer möglichen Wiederkehr netzwerkartiger kognitiver Aktivität in Verbindung bringen. Keiner der Befragten identifizierte das versteckte visuelle Testbild; ein Patient erkannte den verwendeten akustischen Stimulus.
Das verhindert für mich eine voreilige Behauptung.
Ich kann nicht einfach sagen:
Herzstillstand = Gehirn vollständig aus = Bewusstsein trotzdem da.
So einfach ist es nicht.
Eine Reanimation kann einen gewissen Blutfluss zum Gehirn erhalten oder wiederherstellen. Und offenbar kann dabei selbst nach längerer Zeit messbare elektrische Aktivität auftreten.
Trotzdem bleibt für mich die Frage bemerkenswert, wie komplex, strukturiert und teilweise erinnerbar solche Erfahrungen unter extrem beeinträchtigten physiologischen Bedingungen sein können.
Wenn Blinde vom Sehen berichten
Eine weitere Gruppe ungewöhnlicher Fälle wurde 1997 von Kenneth Ring und Sharon Cooper untersucht.
Sie interviewten 31 blinde Menschen mit Nahtod- oder außerkörperlichen Erfahrungen. 25 von ihnen berichteten irgendeine Form visueller Wahrnehmung während ihrer Erlebnisse. Selbst unter Personen, die von Geburt an blind waren, berichteten neun von vierzehn von einer Form des „Sehens“. Die Autoren versuchten bei einzelnen Berichten auch, Wahrnehmungen durch andere Personen oder äußere Umstände zu überprüfen.
Das finde ich außergewöhnlich.
Aber auch hier gilt: Es handelte sich um retrospektive Interviews mit einer kleinen und gezielt ausgewählten Gruppe. Es war kein kontrolliertes Experiment.
Ich kann daraus deshalb nicht seriös folgern:
Blinde Menschen können während einer Nahtoderfahrung unabhängig von Augen und Gehirn sehen.
Ich kann lediglich feststellen:
Menschen, die körperlich nicht oder nie regulär sehen konnten, berichteten Erlebnisse, die sie selbst als visuell beschrieben.
Für mein Weltbild ist das ein interessantes Puzzleteil.
Nicht mehr.
Aber auch nicht nichts.
Produktion oder Übertragung?
Interessanterweise ist die Frage, ob das Gehirn Bewusstsein tatsächlich produziert, philosophisch keineswegs neu.
Der Psychologe und Philosoph William James unterschied bereits Ende des 19. Jahrhunderts zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Möglichkeiten.
Eine Möglichkeit ist die Produktionstheorie:
Das Gehirn erzeugt Bewusstsein.
James wies jedoch darauf hin, dass eine funktionale Abhängigkeit von Gehirn und Bewusstsein logisch auch anders gedacht werden kann. Er bezeichnete die Alternative als eine übertragende oder durchlassende Funktion des Gehirns: Das Gehirn könnte ein bereits vorhandenes Bewusstsein begrenzen, formen oder übertragen, anstatt es selbst hervorzubringen.
Damit ist diese Vorstellung natürlich noch lange nicht bewiesen.
Aber sie beschreibt ziemlich genau die Möglichkeit, die mich interessiert.
Vielleicht ist das Gehirn nicht die Quelle des Bewusstseins.
Vielleicht ist es die Struktur, durch die sich Bewusstsein als dieser bestimmte Mensch, mit diesem Körper, diesen Erinnerungen, diesen Sinnen und diesem Verstand erfährt.
Was Nahtoderfahrungen für meine These bedeuten
Nahtoderfahrungen beweisen mir nicht, dass meine Vorstellung richtig ist.
Ich brauche sie dafür auch nicht.
Meine Grundannahme lautet unabhängig davon:
Bewusstsein ist fundamentaler als Materie.
Aber Nahtoderfahrungen stellen für mich eine interessante Grenzerscheinung dar. Sie zeigen, dass das Verhältnis zwischen Gehirn, Bewusstsein, Erinnerung und subjektiver Erfahrung noch längst nicht vollständig verstanden ist.
Gerade die neuere Forschung macht die Sache für mich nicht einfacher, sondern interessanter.
Sie zeigt einerseits, dass während eines Herzstillstands und einer Reanimation mehr Gehirnaktivität möglich sein kann, als früher angenommen wurde. Andererseits berichten manche Menschen unter genau diesen extremen Bedingungen von ungewöhnlich klaren, strukturierten und teilweise überprüfbaren Erfahrungen.
Für mich bleibt deshalb eine Möglichkeit offen:
Vielleicht endet Bewusstsein nicht dort, wo die normale Funktion des Gehirns endet.
Und vielleicht ist es tatsächlich umgekehrt:
Nicht das Gehirn trägt das Bewusstsein.
Das Bewusstsein trägt das Gehirn.
Quellen und Einordnung
Pim van Lommel, Ruud van Wees, Vincent Meyers & Ingrid Elfferich (2001): Near-death experience in survivors of cardiac arrest: a prospective study in the Netherlands. The Lancet 358, 2039–2045.
Die prospektive Untersuchung von 344 Überlebenden eines Herzstillstands ist eine der wichtigsten klinischen Studien zu Nahtoderfahrungen. Der bekannte Gebiss-Fall wird darin als Beobachtung aus der Pilotphase beschrieben. Für meine These ist er interessant, weil ein Patient Informationen über seine Reanimation berichtete, die von einem beteiligten Pfleger bestätigt wurden. Die Studie beweist jedoch keine vom Gehirn unabhängige Wahrnehmung.
Sam Parnia et al. (2014): AWARE – AWAreness during REsuscitation – a prospective study. Resuscitation 85, 1799–1805.
AWARE untersuchte Bewusstsein und Erinnerungen bei Herzstillstand systematisch und versuchte auch, Wahrnehmungsberichte objektiv zu überprüfen. Ein Patient berichtete Erinnerungen, die sich mit dokumentierten Vorgängen während seiner Reanimation in Beziehung setzen ließen. Für mich ist daran vor allem relevant, dass bewusste Erinnerung unter Bedingungen berichtet wurde, unter denen sie physiologisch zumindest ungewöhnlich erscheint.
Sam Parnia et al. (2023): AWAreness during REsuscitation – II: A multi-center study of consciousness and awareness in cardiac arrest. Resuscitation 191, 109903.
Diese Studie ist für meine Argumentation besonders wertvoll, weil sie zugleich unterstützt und relativiert. Menschen berichteten Erinnerungen während des Herzstillstands; gleichzeitig zeigten EEG-Messungen, dass während längerer CPR wieder elektrische Aktivitätsmuster auftreten können. Sie verhindert damit die vorschnelle Gleichsetzung von Herzstillstand und völlig funktionslosem Gehirn.
Kenneth Ring & Sharon Cooper (1997): Near-Death and Out-of-Body Experiences in the Blind: A Study of Apparent Eyeless Vision. Journal of Near-Death Studies 16(2), 101–147.
Die Autoren untersuchten Berichte blinder Menschen, darunter von Geburt an Blinde, die während NDEs und OBEs visuelle Erfahrungen schilderten. Die Ergebnisse sind aufgrund des retrospektiven Designs kein experimenteller Beweis, stellen für mich aber eine ungewöhnliche Beobachtung dar, die in mein Nachdenken über Wahrnehmung und Bewusstsein gehört.
William James (1898): Human Immortality: Two Supposed Objections to the Doctrine.
James unterschied philosophisch zwischen der Annahme, das Gehirn produziere Bewusstsein, und der Möglichkeit einer permissiven beziehungsweise übertragenden Funktion. Diese Idee ist keine wissenschaftliche Theorie im heutigen Sinne, bildet aber einen historischen philosophischen Vorläufer für meine Frage, ob das Gehirn Bewusstsein erzeugt oder lediglich formt und begrenzt.