Gehirn dank Bewusstsein


Ich glaube nicht, dass mein Gehirn mein Bewusstsein erzeugt.

Ich glaube das Gegenteil.

Bewusstsein ist für mich die Grundlage. Das Gehirn ist eine Erscheinung innerhalb dieser Grundlage.

Damit drehe ich eine verbreitete materialistische Vorstellung um. In diesem Modell existiert zunächst Materie. Aus ihr entwickelt sich Leben, daraus das Gehirn und aus dessen hinreichend komplexer Organisation schließlich Bewusstsein. Für mich beginnt die Geschichte an einer anderen Stelle.

Alles, was ich über die Welt weiß, erscheint in meinem Bewusstsein.

Der Baum, den ich sehe. Mein Körper. Ein Gedanke. Ein Gefühl. Ein Bild meines Gehirns. Selbst die Vorstellung von Atomen, Evolution oder Milliarden Jahren Vergangenheit ist etwas, das in meinem Bewusstsein erscheint.

Ich kann nicht hinter mein eigenes Bewusstsein treten und von dort überprüfen, wie eine Welt ohne Bewusstsein aussieht.

Deshalb steht für mich Bewusstsein am Anfang von allem, was ich wissen und erfahren kann.

Wenn ich hier von „meinem Bewusstsein“ spreche, meine ich zunächst meine individuelle menschliche Erfahrung – die Perspektive dieses Menschen Konrad. Davon unterscheide ich Bewusstsein selbst. In meinem Weltbild gehört Bewusstsein nicht meiner Person. Eher erscheint meine Person innerhalb von Bewusstsein. Ich stelle mir das wie eine Welle im Meer vor: Die Welle besitzt eine eigene Form und eine eigene Perspektive, besteht aber vollständig aus demselben Wasser wie das Meer. Konrad ist für mich eine solche zeitweilige Form – eine Perspektive, aus der Bewusstsein sich selbst und die Welt erfährt.

An dieser Stelle mache ich den metaphysischen Schritt: Ich glaube, dass nicht nur meine persönliche Erfahrung innerhalb von Bewusstsein stattfindet, sondern dass Bewusstsein selbst die grundlegende Wirklichkeit ist, innerhalb derer auch Materie, Körper und Gehirn erscheinen.


Meine Reihenfolge lautet deshalb nicht:

Materie → Gehirn → Bewusstsein

sondern:

Bewusstsein → Wirklichkeit → Materie → Leben → Gehirn → Verstand → Gedanken

Das ist keine naturwissenschaftlich bewiesene Aussage. Es ist eine metaphysische Grundannahme meines Weltbildes.

Und ich meine sie durchaus grundsätzlich:

Ich glaube nicht, dass Bewusstsein irgendwann innerhalb eines bereits vorhandenen materiellen Universums entstanden ist. Ich glaube, dass das Universum innerhalb von Bewusstsein erscheint.


Gehirn und Bewusstsein

Dass Veränderungen im Gehirn Wahrnehmung, Erinnerung, Persönlichkeit oder Denken verändern können, widerspricht dieser Vorstellung für mich nicht.

Diese Beobachtungen zeigen einen sehr engen Zusammenhang zwischen Gehirn und menschlicher Erfahrung.

Aus diesem Zusammenhang allein folgt für mich jedoch noch nicht, dass das Gehirn Bewusstsein erzeugt. Er beschreibt zunächst, wie eng mein menschliches Erleben mit meinem Gehirn verbunden ist. Die grundlegendere Frage bleibt davon unberührt:

Was ist grundlegender – Materie oder Bewusstsein?

Meine Antwort lautet: Bewusstsein.

Das Gehirn ist in meinem Modell deshalb keineswegs unwichtig. Es ist ein wesentlicher Bestandteil meiner menschlichen Erfahrung. Es steht in engem Zusammenhang mit Wahrnehmung, Erinnerung, Sprache, Persönlichkeit und Denken.

Aber es ist für mich nicht die Quelle des Bewusstseins.

Es ist Teil dessen, was innerhalb von Bewusstsein erfahren wird.


Wahrnehmung ist meine Wirklichkeit

Damit verbindet sich ein weiterer zentraler Gedanke meines Weltbildes.

Alles, was ich Wirklichkeit nenne, erfahre ich durch Wahrnehmung.

Was ich wahrnehme, ist für mich wirklich. Es ist meine erfahrene Wirklichkeit.

Ein anderer Mensch kann dieselbe Situation anders wahrnehmen und deshalb eine andere Wirklichkeit erleben. Gedanken, Erfahrungen, Erinnerungen, Erwartungen, Konzepte und Bewertungen wirken darauf ein, wie wir die Welt erfahren.

Deshalb ist meine Wahrnehmung meine Wahrheit – aber nicht automatisch deine.

Ob hinter unseren unterschiedlichen Wahrnehmungen noch eine vollkommen unabhängige „Wirklichkeit an sich“ existiert und wie diese beschaffen wäre, kann ich nicht unmittelbar erfahren.

Ich kann nur darüber nachdenken.

Und auch dieser Gedanke erscheint wieder in meinem Bewusstsein.


Wo mein Glaube beginnt

Mir ist wichtig, diese Grenze klar zu benennen.

Wissenschaft kann untersuchen, welche Gehirnprozesse mit bewussten Zuständen zusammenhängen. Sie kann unterschiedliche Theorien über Bewusstsein entwickeln und experimentell prüfen.

Daraus folgt jedoch nicht wissenschaftlich:

Bewusstsein ist die Grundlage des Universums.

Diesen Schritt mache ich selbst.

Er gehört zu meiner Philosophie, meiner Spiritualität und meiner Metaphysik.

Ich betrachte Bewusstsein als fundamentaler als Materie.

Nicht mein Gehirn erzeugt Bewusstsein.

Bewusstsein ermöglicht mir überhaupt erst, ein Gehirn zu erfahren.


Nahtoderfahrungen

Ein besonders interessanter Berührungspunkt für diese Frage sind für mich Nahtoderfahrungen. Menschen berichten nach Herzstillständen und Reanimationen teilweise von außergewöhnlich klaren Erinnerungen, Wahrnehmungen und dem Eindruck, das Geschehen außerhalb ihres Körpers beobachtet zu haben. Einzelne Berichte konnten mit tatsächlichen Vorgängen während einer Reanimation in Beziehung gesetzt werden.

Für sich genommen beweist das nicht, dass Bewusstsein unabhängig vom Gehirn existiert. Moderne Reanimationsforschung zeigt außerdem, dass während einer Wiederbelebung noch oder wieder messbare Gehirnaktivität auftreten kann. Die Gleichung „Herzstillstand = keinerlei Gehirnaktivität“ ist deshalb zu einfach.

Trotzdem finde ich diese Erfahrungen bemerkenswert. Sie führen genau an die Grenze, die mich interessiert: Wie verhalten sich Gehirn, Wahrnehmung, Erinnerung und Bewusstsein unter extrem eingeschränkten körperlichen Bedingungen zueinander?

Im Artikel Nahtoderfahrungen – Bewusstsein ohne Gehirn? gehe ich auf klinische Studien und dokumentierte Fälle ausführlicher ein.

Für meine These sind Nahtoderfahrungen kein Beweis. Sie sind für mich vielmehr ein weiteres Puzzleteil, das die Frage offenhält, ob die normale Funktion des Gehirns tatsächlich mit der Existenz von Bewusstsein gleichgesetzt werden kann.


Wissenschaftliche und philosophische Berührungspunkte

Meine Sicht ist keine wissenschaftlich bewiesene Theorie. Es gibt jedoch wissenschaftliche und philosophische Arbeiten, die an einzelnen Punkten ähnliche Fragen stellen oder die Selbstverständlichkeit eines rein materialistischen Modells infrage stellen.

David Chalmers – Hard Problem of Consciousness
Chalmers unterscheidet zwischen der Beschreibung von Funktionen des Gehirns und der Frage, warum diese Vorgänge überhaupt mit subjektivem Erleben verbunden sind. Seine Argumentation beweist meine Sicht nicht. Sie zeigt aber, dass die Entstehung subjektiver Erfahrung aus physischen Vorgängen philosophisch weiterhin erklärungsbedürftig ist.

Giulio Tononi – Integrated Information Theory (IIT)
IIT beginnt bei Eigenschaften bewusster Erfahrung und fragt, welche physische Struktur dazu passen könnte. Das berührt meine Denkrichtung, weil Erfahrung als ernstzunehmender Ausgangspunkt gewählt wird. IIT behauptet jedoch nicht, dass Bewusstsein Materie erzeugt, und ist wissenschaftlich weiterhin umstritten.

Roger Penrose & Stuart Hameroff – Orchestrated Objective Reduction (Orch-OR)
Orch-OR geht noch einen ungewöhnlicheren Weg. Hameroff und Penrose schlagen vor, dass Quantenprozesse in den Mikrotubuli von Nervenzellen an bewussten Vorgängen beteiligt sein könnten und über Penroses Konzept der „Objective Reduction“ mit grundlegenden Eigenschaften der physikalischen Wirklichkeit verbunden sind. Für mein Weltbild ist daran besonders interessant, dass Bewusstsein hier nicht lediglich als gewöhnliches Nebenprodukt klassischer neuronaler Informationsverarbeitung betrachtet wird, sondern mit tieferen physikalischen Strukturen in Verbindung gebracht wird.

Orch-OR ist allerdings kein Beweis für meine These. Die Theorie sagt auch nicht einfach, das Gehirn sei eine Antenne, die ein fertiges universelles Bewusstsein empfängt. Diese Interpretation würde über das eigentliche Modell hinausgehen. Außerdem ist Orch-OR wissenschaftlich stark umstritten. Für mich bleibt es trotzdem ein bemerkenswerter Berührungspunkt: Die Möglichkeit, dass Bewusstsein wesentlich tiefer in der Struktur der Wirklichkeit verankert sein könnte als ausschließlich in der klassischen Aktivität von Nervenzellen, wird hier zumindest ernsthaft formuliert.

Cogitate Consortium – IIT und GNWT, 2025
Eine große direkte Vergleichsstudie zweier prominenter Bewusstseinstheorien bestätigte nicht einfach eine der beiden Positionen. Zentrale Vorhersagen beider Modelle wurden teilweise herausgefordert. Für meinen Gedanken ist daran vor allem relevant: Eine allgemein akzeptierte Erklärung von Bewusstsein liegt weiterhin nicht vor.

Donald Hoffman – Interface Theory of Perception
Hoffman und Kollegen untersuchen die Möglichkeit, dass Wahrnehmung evolutionär nicht darauf optimiert sein muss, die objektive Struktur der Wirklichkeit möglichst genau abzubilden. Das beweist keinen Idealismus. Es passt aber zu meiner Unterscheidung zwischen meiner erfahrenen Wirklichkeit und einer möglicherweise davon unabhängigen Wirklichkeit an sich.

George Berkeley – philosophischer Idealismus
Berkeley vertrat bereits im 18. Jahrhundert eine radikale Priorisierung von Geist und Wahrnehmung gegenüber einer unabhängig gedachten materiellen Substanz. Meine Position ist nicht identisch mit seiner, gehört philosophisch aber in eine verwandte Richtung.

William James – Produktion oder Übertragung
William James stellte bereits Ende des 19. Jahrhunderts die Frage, ob die beobachtbare Abhängigkeit zwischen Gehirn und Bewusstsein zwingend bedeutet, dass das Gehirn Bewusstsein produziert. Als philosophische Alternative diskutierte er eine übertragende beziehungsweise begrenzende Funktion des Gehirns. Auch das ist kein wissenschaftlicher Nachweis. Es zeigt aber, dass die Frage „Produktion oder Vermittlung?“ eine lange philosophische Geschichte besitzt.


Quellen

David J. Chalmers (1995): Facing Up to the Problem of Consciousness. Journal of Consciousness Studies 2(3), 200–219.

Giulio Tononi (2004): An Information Integration Theory of Consciousness. BMC Neuroscience 5, 42.

Tononi, Boly, Massimini & Koch (2016): Integrated Information Theory: from consciousness to its physical substrate. Nature Reviews Neuroscience 17, 450–461.

Albantakis et al. (2023): Integrated Information Theory (IIT) 4.0: Formulating the properties of phenomenal existence in physical terms. PLOS Computational Biology 19(10), e1011465.

Hameroff, Stuart & Penrose, Roger (2014): Consciousness in the universe: A review of the ‘Orch OR’ theory. Physics of Life Reviews 11(1), 39–78. DOI: 10.1016/j.plrev.2013.08.002.

Cogitate Consortium et al. (2025): Adversarial testing of global neuronal workspace and integrated information theories of consciousness. Nature 642, 133–142.

Hoffman, Singh & Prakash (2015): The Interface Theory of Perception. Psychonomic Bulletin & Review 22, 1480–1506.

William James (1898): Human Immortality: Two Supposed Objections to the Doctrine.

George Berkeley (1710): A Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge.


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