Über Affirmationen, Afformationen und die Wirklichkeit, die unsere Sprache bereits voraussetzt
Wir reden den ganzen Tag mit uns selbst. Nicht unbedingt laut und meistens auch nicht besonders bewusst. Gedanken tauchen auf, Bewertungen entstehen, Erinnerungen werden mit der Gegenwart verbunden und immer wieder stellen wir uns Fragen. Manche davon sind praktisch und hilfreich. Andere begleiten uns über Jahre, ohne dass wir überhaupt bemerken, welchen Einfluss sie darauf haben, wie wir uns selbst und unser Leben betrachten. Warum passiert mir das immer wieder? Warum bin ich ständig so müde? Warum bekomme ich das nicht hin? Warum habe ich nie genug Geld? Warum verstehen mich die Menschen nicht? Warum lande ich immer wieder in denselben Situationen?
Auf den ersten Blick wirken solche Fragen wie der Versuch, etwas zu verstehen. Der Verstand sucht nach Ursachen. Er möchte Zusammenhänge erkennen und ein Problem lösen. Das ist zunächst nichts Verkehrtes. Ursachenforschung kann sinnvoll sein. Wenn mein Auto nicht anspringt, ist die Frage nach dem Warum ziemlich hilfreich. Wenn ich regelmäßig zu spät komme, kann es ebenfalls sinnvoll sein zu untersuchen, woran das liegt. Schwierig wird es dort, wo aus einer konkreten Untersuchung eine dauerhafte innere Erzählung wird. Denn jede Frage enthält bereits einen Rahmen. Und manchmal steckt in diesem Rahmen eine Aussage, die wir gar nicht mehr überprüfen.
Wenn ich mich frage: „Warum bin ich immer so unpünktlich?“, dann untersuche ich nicht mehr offen, ob ich tatsächlich immer unpünktlich bin. Innerhalb der Frage ist das bereits entschieden. Ich bin unpünktlich. Die offene Stelle ist nur noch die Begründung dafür. Damit entsteht für mich eine zentrale Frage hinter all den anderen Fragen:
Welche Realität beziehungsweise welches Selbstbild setzt meine innere Sprache bereits voraus?
Diese Frage hat meinen Blick auf Affirmationen und Afformationen verändert. Denn der entscheidende Unterschied liegt für mich inzwischen nicht einfach zwischen positiven und negativen Gedanken. Er liegt auch nicht pauschal zwischen einer Warum-Frage und einer Wie-Frage. Entscheidend ist, welche Annahme in einer Aussage oder Frage bereits enthalten ist und aus welcher inneren Position heraus ich sie formuliere.
Wenn der Verstand Antworten sucht
Der Verstand ist gut darin, Antworten zu finden. Das ist eine seiner großen Fähigkeiten. Gleichzeitig liegt darin eine Gefahr. Wenn ich ihm eine bestimmte Ausgangsannahme gebe, beginnt er häufig genau innerhalb dieses Rahmens zu suchen. Frage ich mich: „Warum bin ich so schlecht darin, Beziehungen zu führen?“, erinnert sich der Verstand vielleicht sofort an die letzte Trennung, dann an einen Streit vor fünf Jahren und anschließend an einen Satz, den ein früherer Partner einmal gesagt hat.
Nach wenigen Minuten liegt eine ganze Beweisführung vor. Der Ausgangspunkt der Frage scheint bestätigt.
Das bedeutet nicht, dass der Verstand dumm wäre oder jede Frage ungeprüft glaubt. Natürlich können wir falsche Voraussetzungen erkennen. Wenn mich jemand fragt, warum ich gestern sein Auto gestohlen habe, obwohl ich nichts gestohlen habe, werde ich wahrscheinlich zuerst die Voraussetzung der Frage zurückweisen. Im inneren Gespräch geschieht diese Gegenprüfung jedoch oft weniger deutlich. Gerade Aussagen über die eigene Person, die häufig wiederholt wurden, können irgendwann selbstverständlich wirken. „Ich bin eben so.“ „Bei mir läuft das immer so.“ „Das war schon immer mein Problem.“ Dann suchen wir nicht mehr offen nach Wahrheit. Wir suchen innerhalb einer bereits gesetzten Geschichte.
Genau deshalb lohnt es sich, den eigenen Fragen zuzuhören. Nicht um jede Formulierung zu kontrollieren und daraus die nächste Selbstoptimierungsaufgabe zu machen. Sondern zunächst nur, um wahrzunehmen, welche Annahmen sich darin verstecken. Die möglicherweise größere Falle liegt dann nicht in der Antwort, sondern bereits in der Vorannahme.
Die Affirmation und der innere Bullshit-Detektor
Ein klassischer Versuch, solche inneren Geschichten zu verändern, ist die Affirmation. Statt „Ich schaffe das nie“ sage ich: „Ich schaffe das.“ Statt „Ich bin unsicher“ sage ich: „Ich bin selbstbewusst.“ Statt „Ich lebe im Mangel“ sage ich: „Ich lebe in Fülle.“ Das kann funktionieren. Gerade wenn eine Aussage bereits eine gewisse Verbindung zur eigenen Erfahrung besitzt, kann sie eine hilfreiche Erinnerung und Ausrichtung sein.
Es gibt aber einen Punkt, an dem Affirmationen schwierig werden können. Der Verstand merkt sehr schnell, wenn zwischen einer Aussage und der momentan empfundenen Wirklichkeit eine große Lücke besteht. Ich nenne das hier bewusst etwas salopp den Bullshit-Detektor. Wenn ich völlig angespannt bin und mir sage: „Ich bin vollkommen entspannt“, kann unmittelbar eine Gegenstimme entstehen: Nein, bist du nicht. Wenn auf meinem Konto kaum Geld liegt und ich hundertmal wiederhole: „Ich bin reich“, kann mein Verstand ziemlich überzeugende Gegenargumente liefern.
Das Problem liegt dann nicht darin, dass die Affirmation grundsätzlich falsch wäre. Das Problem liegt in der Reibung zwischen Behauptung und eigener Erfahrung. Die positive Aussage tritt frontal gegen eine bestehende Überzeugung an. Und je stärker diese Überzeugung ist, desto stärker kann der innere Widerspruch werden. Damit entsteht eine paradoxe Situation. Eigentlich möchte ich meinen Blick erweitern. Stattdessen beginne ich, mit mir selbst darüber zu diskutieren, ob der neue Satz wahr ist.
An dieser Stelle finde ich die Afformation interessant. Nicht, weil sie den Verstand überlisten oder hacken würde, sondern weil sie ihm nicht mit einer Behauptung frontal gegenübertritt. Sie öffnet einen Zwischenraum.
Eine Frage statt einer Behauptung
Der Begriff Afformation bezeichnet eine Form positiver Fragen. Statt einen gewünschten Zustand direkt zu behaupten, wird eine Frage formuliert, in der dieser Zustand bereits vorausgesetzt wird. Aus „Ich bin ruhig und gelassen“ wird beispielsweise „Warum bin ich inzwischen so ruhig und gelassen?“ oder „Wie habe ich es geschafft, so ruhig und gelassen zu werden?“
Auf den ersten Blick scheint das nur eine kleine sprachliche Veränderung zu sein. Für mich steckt darin jedoch ein grundlegender Unterschied. Die Frage diskutiert nicht mehr unmittelbar darüber, ob dieser Zustand möglich ist. Sie eröffnet einen Rahmen, in dem er bereits vorhanden beziehungsweise erreicht ist.
Das ist auch der Grund, warum ich Afformation nicht einfach mit „Warum-Fragen“ übersetzen würde. Nicht jede Warum-Frage ist hilfreich und nicht jede Wie-Frage ist automatisch eine Afformation. „Warum komme ich immer zu spät?“ bestätigt innerhalb der Frage meine Unpünktlichkeit. „Warum bin ich inzwischen so zuverlässig pünktlich?“ setzt einen anderen Zustand voraus. „Wie kann ich endlich pünktlicher werden?“ behandelt Pünktlichkeit noch als ein Ziel, das vor mir liegt. „Wie habe ich es geschafft, so zuverlässig pünktlich zu werden?“ blickt sprachlich bereits von der anderen Seite auf dieselbe Entwicklung.
Das Fragewort allein entscheidet also wenig. Entscheidend ist die Qualität der Frage. Genau deshalb finde ich die Formulierung „Wie habe ich es geschafft …?“ besonders interessant. Sie behandelt einen gewünschten Zustand sprachlich wie etwas, das bereits eingetreten ist. Der Verstand steht nicht mehr ausschließlich vor einem Problem, das er beseitigen soll. Er bekommt einen anderen Bezugsrahmen. Die Frage setzt innerhalb des inneren Dialogs eine andere Wirklichkeit voraus, ohne sie als Behauptung gegen die gegenwärtige Erfahrung durchdrücken zu müssen.
Die Frage muss nicht sofort beantwortet werden
Hier unterscheidet sich mein persönlicher Umgang mit Afformationen von der Vorstellung, dass der Verstand nun möglichst viele positive Antworten produzieren soll. Wenn ich frage: „Wie habe ich es geschafft, so gelassen mit dieser Situation umzugehen?“, muss ich nicht unmittelbar antworten. Ich muss nicht anfangen, fünf Gründe aufzuschreiben, warum ich jetzt gelassen bin. Ich muss auch nicht sofort einen vollständigen Plan entwickeln, wie ich von meinem gegenwärtigen Zustand zu diesem gewünschten Zustand gelangen werde.
Die Frage darf zunächst einfach stehen.
Das bedeutet nicht, dass Denken unerwünscht wäre. Und es bedeutet auch nicht, dass konkrete Planung keine Rolle spielt. Es bedeutet nur, dass nicht jede offene Frage sofort vom Verstand geschlossen werden muss. Wir sind es gewohnt, offene Räume schnell zu füllen. Eine Frage erscheint und innerhalb von Sekunden produziert der Kopf mögliche Antworten, Einwände, Risiken und Lösungswege. Gerade wenn uns etwas wichtig ist, beginnt der Verstand häufig damit, den gesamten Weg kontrollieren zu wollen. Wie komme ich dort hin? Was muss ich tun? Was könnte schiefgehen? Was ist Schritt eins, Schritt zwei, Schritt drei?
Planung ist sinnvoll. Kontrolle über einen Weg, der noch gar nicht stattgefunden hat, ist etwas anderes.
Wenn ich eine Afformation stelle, kann ich mir erlauben, für einen Moment nicht zu wissen. „Wie habe ich es geschafft, diese Arbeit zu finden, die wirklich zu mir passt?“ „Warum begegnen mir gerade die richtigen Menschen?“ „Wie habe ich es geschafft, meinen Alltag so zu gestalten, dass ich mich darin wohlfühle?“ Vielleicht spüre ich etwas. Vielleicht auch nicht. Vielleicht kommt später eine Idee. Vielleicht ergibt sich ein Gespräch. Vielleicht erkenne ich morgen eine Möglichkeit, die ich heute noch gar nicht sehen konnte.
Die Frage hat dann nicht die Aufgabe, sofort eine Antwort zu erzeugen. Ihre erste Aufgabe besteht darin, meine innere Ausrichtung zu verändern. Ich muss die Frage nicht lösen. Ich darf sie in den Raum stellen und zunächst wahrnehmen, was sie mit meiner Haltung macht.
Vertrauen heißt nicht, nichts zu tun
An dieser Stelle wird es für mich spirituell. Gleichzeitig möchte ich gerade hier sauber bleiben. Ich glaube nicht, dass mein Verstand sämtliche Möglichkeiten kennt, über die sich ein Leben entwickeln kann. Das erscheint mir schon ganz praktisch offensichtlich. Ich kann heute nicht wissen, wem ich nächste Woche begegne, welche Idee mir in einem Monat kommt oder welche Möglichkeit sich durch eine Entscheidung ergibt, die ich heute noch gar nicht getroffen habe.
Spirituell gesprochen vertraue ich darauf, dass ich Teil eines größeren Zusammenhangs bin. Ich kann diesen Zusammenhang Universum, Feld, Bewusstsein oder Leben nennen. Der Begriff ist für mich weniger wichtig als die Haltung dahinter: Ich muss nicht alles kontrollieren, damit sich etwas entwickeln kann. Das bedeutet aber nicht, dass ich meine Verantwortung an das Universum abgebe.
Wenn ich mich frage: „Warum bin ich so fit?“ und anschließend jeden Tag auf dem Sofa liegen bleibe, entsteht daraus nicht automatisch ein trainierter Körper. Wenn ich frage: „Wie habe ich es geschafft, von meiner Leidenschaft zu leben?“ und gleichzeitig niemals etwas beginne, anbiete, lerne oder nach außen bringe, bleibt die Frage wahrscheinlich eine schöne Vorstellung. Und auch der berühmte Porsche erscheint nicht deshalb vor meiner Haustür, weil ich morgens intensiv genug gedacht habe: „Warum steht eigentlich mein neuer Porsche vor der Tür?“
Die Abkürzung wäre verführerisch:
Gedanke, Universum, Porsche.
Genau diese Abkürzung halte ich aber für problematisch.
Belastbarer ist für mich eine andere Kette:
Innere Sprache beeinflusst Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit beeinflusst Wahrnehmung. Wahrnehmung beeinflusst Interpretation. Interpretation beeinflusst, welche Möglichkeiten ich erkenne. Daraus entstehen Entscheidungen und Handlungen. Und diese Handlungen beeinflussen wiederum die Realität, die ich mit hervorbringe.
Das allein ist bereits ziemlich weitreichend.
Meine spirituelle Perspektive beginnt dort, wo ich zusätzlich offenlasse, dass Leben nicht vollständig auf meine bewusste Planung reduziert werden kann. Begegnungen geschehen, Möglichkeiten tauchen auf, Zufälle fügen sich manchmal auf eine Weise, die ich als bedeutsam erlebe. Ich muss daraus keine physikalische Theorie machen. Ich kann einfach wahrnehmen, dass mein Einfluss real ist, ohne mich gleichzeitig zum alleinigen Schöpfer jedes Ereignisses zu erklären. Vertrauen bedeutet für mich dabei nicht, die Verantwortung abzugeben, sondern anzuerkennen, dass es mehr mögliche Wege geben kann, als mein Verstand im gegenwärtigen Moment überblickt.
Die innere Ausrichtung ist nur die halbe Bewegung
Damit wird für mich auch klar, warum Afformationen nicht zum Ersatz für Handlung werden dürfen. Eine Frage kann meinen Blick verändern, einen anderen inneren Raum öffnen und möglicherweise verhindern, dass ich mich ständig mit derselben negativen Selbstbeschreibung bestätige. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem sich diese Ausrichtung im Leben zeigen muss.
Vielleicht entsteht aus der Frage „Wie habe ich es geschafft, endlich die Arbeit zu machen, die zu mir passt?“ der Impuls, jemanden anzurufen. Vielleicht merke ich, dass ich eine Ausbildung beginnen möchte. Vielleicht wird mir klar, dass ich eine Tätigkeit längst ausprobieren könnte, statt noch ein weiteres Jahr darüber nachzudenken. Vielleicht bedeutet der nächste Schritt auch nur, eine Stunde an etwas zu arbeiten, das bisher immer hintenangestanden hat. Ich muss deshalb nicht den gesamten Weg kennen. Ich brauche den nächsten Schritt.
Das ist für mich der Unterschied zwischen Vertrauen und Passivität. Vertrauen sagt nicht: „Ich tue nichts, weil das Universum alles regelt.“ Vertrauen bedeutet, dass ich akzeptiere, den ganzen Weg nicht zu kennen. Ich lasse offen, wie sich etwas entwickelt, bleibe aufmerksam für Möglichkeiten und gehe weiter, wenn sich ein konkreter nächster Schritt zeigt. Darin liegt für mich eine andere Qualität als in dem Versuch, das Leben vollständig vorauszuplanen. Ich muss nicht heute schon Schritt zwei bis einhundertsiebenunddreißig kennen. Vielleicht reicht es, Schritt eins zu erkennen und ihn tatsächlich zu gehen.
Beobachtung vor Veränderung
Bevor ich überhaupt beginne, positive Fragen zu formulieren, halte ich deshalb etwas anderes für wichtiger: zuhören. Welche Fragen stelle ich mir bereits? Nicht die Fragen, die ich mir gerne stellen würde, sondern die tatsächlichen. Welche Sätze tauchen morgens auf? Was denke ich, wenn etwas schiefgeht? Welche Fragen kommen in Konflikten? Welche Fragen tauchen auf, wenn ich Geld ausgebe, eine Entscheidung treffen muss oder mich jemand ablehnt? Vielleicht entdecke ich den Satz: „Warum mache ich eigentlich immer alles falsch?“ Dann muss ich diese Frage nicht sofort mit einer positiven Version überkleben. Zunächst kann ich erkennen, dass da überhaupt eine Frage ist und dass sie eine Annahme enthält: Ich mache immer alles falsch. Stimmt das tatsächlich? Sehr wahrscheinlich nicht. Allein diese Beobachtung schafft bereits Abstand.
Aus diesem Abstand kann eine neue Frage entstehen. Nicht zwanghaft positiv, nicht als Mantra, das ich mir hundertmal vorsage, sondern als bewusst gesetzte Möglichkeit. „Wie habe ich gelernt, mir selbst mehr zu vertrauen?“ „Warum fällt es mir zunehmend leichter, Fehler nicht persönlich zu nehmen?“ „Wie habe ich es geschafft, klarer zu entscheiden?“ Dann lasse ich die Frage einen Moment stehen, atme und kehre wieder in die Gegenwart zurück. Vielleicht schaue ich aus dem Fenster, sehe einen Baum oder eine Blume und merke, dass ich die Frage nicht sofort zerdenken muss.
Gerade darin liegt für mich etwas Wesentliches. Die Afformation ist nicht nur ein Werkzeug zur Erzeugung eines positiven Gedankens. Sie kann auch eine Übung darin sein, nicht jede geistige Bewegung sofort kontrollieren zu wollen. Der Verstand darf wahrnehmen, dass da eine neue Möglichkeit im Raum steht, ohne sie sofort erklären, begründen oder absichern zu müssen.
Eine andere Beziehung zum Denken
Vielleicht ist das am Ende der Teil, der mich an Afformationen am meisten interessiert. Nicht der Versuch, den Verstand auszutricksen, nicht der nächste mentale Hack und auch nicht die Vorstellung, mit der perfekten Formulierung das Universum programmieren zu können. Interessanter ist für mich eine andere Beziehung zu meinem eigenen Denken.
Der Verstand muss nicht bekämpft werden. Er ist kein Gegner. Er versucht Zusammenhänge herzustellen, Gefahren einzuschätzen, Erfahrungen einzuordnen und Orientierung zu schaffen. Genau dafür ist er ausgesprochen nützlich. Gleichzeitig muss er nicht auf jede Frage sofort eine Antwort geben, und nicht jede Frage, die in ihm auftaucht, beschreibt automatisch die Wahrheit. Ich kann lernen, meine Fragen genauso zu beobachten wie meine Gedanken und dabei immer wieder prüfen: Welche Realität beziehungsweise welches Selbstbild setzt meine innere Sprache bereits voraus?
Vielleicht ist das die eigentliche Übung hinter all dem. Nicht jedes „Warum?“ glauben, nicht jede Geschichte automatisch fortschreiben und nicht jede Unsicherheit sofort lösen. Manchmal reicht es zunächst, eine alte Frage zu erkennen und eine andere Möglichkeit daneben zu stellen. Eine Frage kann offenbleiben, ohne dass ich dadurch handlungsunfähig werde. Im Gegenteil: Gerade weil ich nicht versuche, den gesamten Weg vorwegzunehmen, kann ich aufmerksamer dafür werden, was sich tatsächlich zeigt.
Innere Ausrichtung allein verändert nicht automatisch die Welt. Sie verändert aber den Ort, von dem aus ich ihr begegne. Dieser Ort beeinflusst, was ich wahrnehme, welche Möglichkeiten ich erkenne, wie ich Situationen interpretiere und welche Entscheidungen ich treffe. Daraus entstehen Handlungen, und über diese Handlungen verändere ich meine Beziehung zur Welt und einen Teil der Welt selbst.
Für mich liegt genau darin die Stärke der Afformation. Nicht darin, mir einzureden, dass etwas bereits objektiv wahr ist, obwohl meine Erfahrung gerade etwas anderes zeigt. Sondern darin, für einen Moment so zu fragen, als wäre eine andere Wirklichkeit möglich – und meinem Verstand nicht sofort vorzuschreiben, auf welchem Weg ich sie erreichen muss. Ich kann eine Frage so formulieren, dass sie den gewünschten Zustand innerhalb meines inneren Bezugsrahmens bereits enthält, ohne daraus eine Behauptung zu machen, gegen die ich sofort kämpfen muss.
Vielleicht zeigt sich eine Antwort später als Gedanke. Vielleicht als Handlung. Vielleicht als Begegnung. Vielleicht merke ich einfach, dass eine alte Geschichte nicht mehr ganz so selbstverständlich wirkt wie vorher. Auch das ist bereits eine Veränderung. Die Frage muss nicht die gesamte Zukunft erklären. Vielleicht reicht es, wenn sie meine Aufmerksamkeit für einen Moment aus der alten Spur herausnimmt und einen anderen Raum öffnet.
Afformation bedeutet für mich deshalb nicht, eine neue Realität herbeizudenken. Es bedeutet, bewusster darauf zu achten, aus welcher Realität heraus ich denke und frage. Ich richte mich innerlich aus, lasse den Weg zunächst offen, bleibe aufmerksam für das, was geschieht, und übernehme gleichzeitig Verantwortung für die Schritte, die ich selbst gehen kann.
Ich muss nicht wissen, auf welchem Weg ich ankomme, um mich in eine Richtung bewegen zu können. Ich muss die Frage nicht sofort beantworten, um ihre Vorannahme wahrzunehmen. Und ich muss das Leben nicht vollständig kontrollieren, um an ihm teilzunehmen.
Vielleicht liegt darin für mich die eigentliche Qualität dieser Form von Fragen: Sie stellen nicht einfach eine neue Behauptung gegen eine alte. Sie öffnen einen Raum zwischen dem, was ich bisher für selbstverständlich gehalten habe, und dem, was ebenfalls möglich sein könnte. In diesem Raum muss ich nichts erzwingen. Ich kann wahrnehmen, mich ausrichten, offenlassen und anschließend wieder handeln.
Ich frage nicht, um mir eine Wirklichkeit einzureden. Ich frage, um nicht länger unbemerkt nur die Wirklichkeit zu bestätigen, die ich ohnehin schon kenne.