Interpretation


Ich nehme etwas wahr – und fast unmittelbar entsteht in meinem Kopf eine Erklärung dazu.

Ich sehe einen Gesichtsausdruck, höre einen Satz, spüre ein Ziehen im Bauch oder bemerke, dass jemand nicht auf meine Nachricht antwortet. Die Wahrnehmung selbst liefert zunächst nur einen begrenzten Ausschnitt dessen, was geschieht. Mein Verstand versucht anschließend, diesen Ausschnitt einzuordnen. Er verbindet das Wahrgenommene mit Erinnerungen, Erfahrungen, Erwartungen und bereits vorhandenen Vorstellungen über mich und die Welt.

Diese Einordnung nenne ich Interpretation.

Wenn mir beispielsweise jemand nicht antwortet, ist zunächst nur feststellbar, dass ich keine Antwort erhalten habe. Warum der andere nicht antwortet, weiß ich nicht. Trotzdem kann mein Verstand innerhalb weniger Sekunden eine Geschichte daraus machen: Er hat keine Zeit. Sie hat keine Lust. Ich habe etwas Falsches gesagt. Er ignoriert mich. Sie braucht Abstand.

Jede dieser Erklärungen könnte stimmen. Keine davon muss stimmen. Aus meiner Erfahrung liegt mein Verstand oft falsch, so richtig oft komplett daneben.

Für mich liegt darin ein entscheidender Unterschied zwischen Wahrnehmung und Interpretation. Wahrnehmung beschreibt möglichst unmittelbar, was ich erfahre. Interpretation versucht zu erklären, was diese Erfahrung bedeutet.

Interpretation ist dabei nichts grundsätzlich Problematisches. Ich brauche sie, um mich in der Welt zurechtzufinden. Wenn ich dunkle Wolken sehe, interpretiere ich sie möglicherweise als Zeichen für kommenden Regen und nehme eine Jacke mit. Wenn ein Mensch plötzlich laut wird, versuche ich anhand der Situation einzuschätzen, ob Gefahr besteht. Mein Verstand nutzt vergangene Erfahrungen, um aus unvollständigen Informationen eine möglichst brauchbare Vorstellung der gegenwärtigen Situation zu erzeugen.

Schwierig wird es dort, wo ich meine Interpretation mit der Wirklichkeit verwechsle.

Aus „Ich habe keine Antwort bekommen“ wird dann „Sie will nichts mit mir zu tun haben“. Aus „Er schaut mich nicht an“ wird „Er lehnt mich ab“. Aus einem körperlichen Gefühl wird eine vermeintlich eindeutige Botschaft darüber, was gerade in meinem Körper oder meiner Psyche geschieht.

Der zweite Satz enthält jeweils mehr als meine unmittelbare Wahrnehmung. Er enthält bereits meine Geschichte dazu.

Diese Geschichten entstehen nicht im luftleeren Raum. Meine bisherigen Erfahrungen, meine Prägungen, Glaubenssätze, Ängste und Erwartungen beeinflussen, welche Erklärung mir plausibel erscheint. Zwei Menschen können deshalb dieselbe Situation erleben und zu völlig unterschiedlichen Interpretationen kommen. Nicht unbedingt, weil einer von beiden die Wahrheit erkennt und der andere sich irrt, sondern weil beide das Wahrgenommene durch ihr jeweiliges inneres Modell betrachten.

Damit wird Interpretation für mich auch zu einer Frage der Bewusstheit.

Ich kann beobachten, wann aus einer Wahrnehmung eine Erklärung wird. Statt zu sagen: „So ist es“, kann ich genauer formulieren: „So interpretiere ich es gerade.“

Dieser kleine Unterschied verändert viel. Meine Interpretation bleibt dadurch eine Möglichkeit und wird nicht vorschnell zur Tatsache. Ich kann sie überprüfen, andere Erklärungen zulassen oder einen anderen Menschen fragen, wie er die Situation erlebt hat.

Das gilt auch für meine eigene Innenwelt. Wenn ich Angst, Druck, Unruhe oder Schmerz wahrnehme, kann ich versuchen zu verstehen, woher diese Empfindung kommt. Aber auch diese Erklärung bleibt zunächst eine Interpretation. Ein Ziehen im Bauch ist ein Ziehen im Bauch. Die Aussage „Das ist meine Angst vor dieser Entscheidung“ ist bereits der Versuch meines Verstandes, dem Gefühl eine Ursache und Bedeutung zu geben.

Sie kann richtig sein. Sie kann teilweise richtig sein. Sie kann falsch sein.

Gerade deshalb interessiert mich der Raum zwischen Wahrnehmung und Interpretation. Je deutlicher ich beide voneinander unterscheiden kann, desto weniger bin ich gezwungen, jede Geschichte meines Verstandes sofort zu glauben.

Ich kann wahrnehmen, was da ist, beobachten, welche Bedeutung mein Verstand daraus konstruiert, und anschließend entscheiden, wie viel Glauben ich dieser Interpretation schenken möchte.

Interpretation ist für mich damit keine Wahrheit über die Welt.

Sie ist der Versuch meines Verstandes, aus Wahrnehmung Bedeutung zu machen.