Objektivität und Subjektivität


Jeder Mensch erlebt die Welt aus seiner eigenen Perspektive. Wir nehmen wahr, fühlen, denken, erinnern und interpretieren. Dabei stehen wir niemals außerhalb unserer selbst. Alles, was uns erreicht, wird durch unsere Sinne, unsere Aufmerksamkeit, unsere Erfahrungen und unsere vorhandenen Vorstellungen aufgenommen und verarbeitet.

Menschliche Erfahrung ist daher immer subjektiv.

Das Wort „subjektiv“ wird häufig so verwendet, als bedeute es unzuverlässig, verzerrt oder bloß eingebildet. Doch zunächst beschreibt es nur, dass etwas an ein wahrnehmendes Subjekt gebunden ist. Ein Schmerz ist subjektiv, weil nur der betroffene Mensch ihn unmittelbar erlebt. Deshalb ist er nicht unwirklich. Freude, Angst, Geschmack, Bedeutung und persönliche Erinnerung sind ebenfalls subjektiv und können dennoch sehr real sein.

Wenn jede Erfahrung an eine Perspektive gebunden ist, stellt sich allerdings die Frage: Was bedeutet dann Objektivität?

Im strengsten Sinn wäre etwas objektiv, wenn es unabhängig von der Wahrnehmung, den Erwartungen und den Interessen eines einzelnen Menschen besteht oder gültig ist. Eine objektive Beschreibung müsste die Wirklichkeit so wiedergeben, wie sie unabhängig von jedem Beobachter beschaffen ist.

Genau hier entsteht ein grundsätzliches Problem. Auch der Versuch, etwas objektiv zu erkennen, wird von Menschen unternommen. Menschen beobachten, messen, vergleichen und formulieren Ergebnisse. Messinstrumente können genauer sein als unsere unmittelbaren Sinne, doch auch sie wurden unter bestimmten Voraussetzungen entwickelt. Die gewonnenen Daten müssen ausgewertet und eingeordnet werden. Wir können unsere Perspektive methodisch begrenzen und korrigieren, aber nicht vollständig verlassen.

Daraus folgt jedoch nicht, dass es keine vom Menschen unabhängige Realität gibt. Das wäre bereits wieder eine Behauptung über die Beschaffenheit der Wirklichkeit, die wir nicht abschließend beweisen können. Aus der Tatsache, dass unser Zugang zur Welt perspektivisch ist, folgt nicht, dass die Welt ausschließlich durch unsere Perspektive entsteht.

Wir sollten deshalb zwei Fragen auseinanderhalten: Gibt es eine Realität, die unabhängig von unserer Wahrnehmung besteht? Und können wir diese Realität vollkommen objektiv erkennen?

Auf die erste Frage sind unterschiedliche philosophische Antworten möglich. Im Alltag und in den Wissenschaften gehen wir meist davon aus, dass eine gemeinsame Welt existiert, die nicht beliebig unseren Vorstellungen folgt. Auf die zweite Frage fällt die Antwort vorsichtiger aus: Einen vollkommen voraussetzungslosen Zugang zu dieser Welt besitzen wir vermutlich nicht.

Objektivität muss deshalb nicht bedeuten, dass ein Mensch die endgültige Wahrheit kennt. Im praktischen Gebrauch bezeichnet sie den Versuch, persönliche Vorlieben, Erwartungen und Verzerrungen so weit wie möglich zu begrenzen. Beobachtungen werden nachvollziehbar beschrieben, Messungen wiederholt, Methoden offengelegt und Ergebnisse von anderen überprüft.

Auf diese Weise entsteht Intersubjektivität: Verschiedene Menschen können unter vergleichbaren Bedingungen zu übereinstimmenden Ergebnissen gelangen. Eine Temperaturmessung hängt weniger von der Stimmung eines einzelnen Menschen ab als die Aussage, das Wetter sei angenehm. Dennoch bleibt auch die Temperaturmessung an ein Messverfahren, eine Einheit und bestimmte Bedingungen gebunden.

Was wir im Alltag als objektiv bezeichnen, ist daher häufig keine absolute Wahrheit, sondern ein besonders gut überprüftes gemeinsames Bezugssystem. Manche Aussagen sind innerhalb eines solchen Bezugssystems sehr zuverlässig. Andere beruhen stärker auf persönlichen Eindrücken, Deutungen oder Wertungen.

Das bedeutet auch, dass nicht alle Perspektiven gleichermaßen tragfähig sind. Eine Behauptung, die zahlreiche Beobachtungen berücksichtigt und wiederholten Prüfungen standhält, besitzt eine andere Qualität als eine spontane Vermutung. Beide entstehen aus menschlichen Perspektiven, aber daraus folgt nicht, dass sie denselben Erkenntniswert haben.

Der Satz „Alles ist subjektiv“ greift deshalb zu kurz. Wenn er lediglich besagt, dass jede menschliche Erfahrung perspektivisch vermittelt ist, enthält er einen wichtigen Gedanken. Soll er hingegen bedeuten, dass es keine gemeinsame Realität und keine zuverlässigeren oder weniger zuverlässigen Aussagen gibt, wird er selbst problematisch. Denn auch diese Behauptung müsste dann nur eine subjektive Sicht sein und könnte keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen.

Besonders deutlich wird die Unterscheidung im menschlichen Miteinander. Wenn ein Mensch Angst empfindet, ist diese Angst als Erfahrung wirklich. Sie kann nicht dadurch widerlegt werden, dass ein anderer sie für unbegründet hält. Trotzdem folgt aus der Angst nicht automatisch, dass tatsächlich eine Gefahr besteht. Das Erleben ist anzuerkennen; die Interpretation seiner Ursache kann überprüft werden.

Ebenso kann ich anerkennen, dass ein anderer Mensch eine Situation aus seiner Perspektive anders wahrnimmt als ich. Seine Wahrnehmung gehört zu seiner inneren Wirklichkeit. Dennoch dürfen wir gemeinsam untersuchen, welche Annahmen, Erinnerungen und Informationen in unsere jeweiligen Deutungen eingeflossen sind.

Damit verbindet sich Subjektivität mit dem Gedanken, dass jeder aus seiner Perspektive zunächst recht hat. Gemeint ist nicht, dass jede Aussage über die gemeinsame Welt gleichermaßen stimmt. Gemeint ist, dass jeder Mensch einen unmittelbaren Zugang zu seinem eigenen Erleben besitzt und seine Sicht innerhalb seines persönlichen Bezugssystems entstehen konnte.

Objektivität und Subjektivität sind deshalb keine einfachen Gegensätze. Subjektivität ist die unvermeidliche Form menschlichen Erlebens. Objektivität ist der Versuch, über die Begrenzungen einer einzelnen Perspektive hinauszugehen. Sie entsteht durch Vergleich, Prüfung, Widerspruch und die Bereitschaft, die eigene Sicht korrigieren zu lassen.

Absolute Objektivität können wir möglicherweise nicht erreichen. Daraus folgt aber nicht, dass jeder Versuch der Erkenntnis beliebig wäre. Zwischen persönlicher Gewissheit und endgültiger Wahrheit liegt ein weiter Raum unterschiedlicher Verlässlichkeit.

In diesem Raum bewegen wir uns: als subjektiv wahrnehmende Menschen, die gemeinsam versuchen, einer Wirklichkeit näherzukommen, die keiner von uns vollständig überblickt.