Wer bin ich?
Diese Frage beschäftigt Menschen vermutlich schon so lange, wie sie über sich selbst nachdenken können. Auch mich hat sie viele Jahre begleitet.
Früher hätte ich wahrscheinlich einfach mit meinem Namen geantwortet.
Ich bin Konrad.
Heute würde ich sagen, dass das zwar stimmt, aber nur einen kleinen Teil beschreibt.
Für mich ist das Ich eine Funktion. Es hilft mir, mich in dieser Welt zu orientieren, Beziehungen einzugehen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Ohne ein Ich könnte ich diesen Text nicht schreiben, meinen Körper nicht steuern und nicht zwischen „ich“ und „du“ unterscheiden. Das Ich ist deshalb nichts Schlechtes. Im Gegenteil. Es ist notwendig, damit menschliches Leben überhaupt möglich wird.
Gleichzeitig glaube ich nicht, dass ich nur dieses Ich bin.
Das Ich entsteht nicht fertig mit der Geburt. Es entwickelt sich mit jeder Erfahrung. Es lernt von den Eltern, vom Umfeld und von allem, was mir im Laufe meines Lebens begegnet. Wie ein lernendes System übernimmt es Verhaltensweisen, Bewertungen und Überzeugungen. Aus ihnen entsteht nach und nach eine Geschichte darüber, wer ich bin und wie die Welt funktioniert.
Viele dieser Geschichten bemerke ich zunächst gar nicht.
Sie laufen automatisch ab und fühlen sich selbstverständlich an. Ich halte sie für meine Persönlichkeit, meinen Charakter oder meine Identität. Erst wenn ich beginne, sie bewusst zu beobachten, erkenne ich, dass sie nicht unveränderlich sind. Sie wurden gelernt und können sich deshalb auch verändern.
Für mich besteht das Ich deshalb im Wesentlichen aus Identifikation.
Der Verstand erzeugt fortlaufend Gedanken. Manche verschwinden sofort wieder. Andere wiederholen sich über Jahre. Je häufiger ich ihnen glaube, desto stärker werden sie zu einem Teil meines Selbstbildes. Aus einzelnen Gedanken entsteht eine Überzeugung. Aus vielen Überzeugungen entsteht eine Identität.
So wird aus Denken ein Ich.
Deshalb setze ich das Ich heute weitgehend mit dem Ego, dem Denker und der Stimme im Kopf gleich. Nicht weil diese Begriffe exakt dasselbe bedeuten, sondern weil sie für mich dieselbe Funktion beschreiben: Sie erzeugen das Gefühl, eine voneinander getrennte Person mit einer festen Geschichte zu sein.
Das bedeutet jedoch nicht, dass das Ich überwunden oder bekämpft werden muss.
Ich möchte mein Ich weder loswerden noch zerstören. Ich möchte es kennenlernen. Je bewusster mir seine Muster, Glaubenssätze und Ängste werden, desto freier kann ich entscheiden, ob ich ihnen weiterhin folgen möchte.
Der Beobachter nimmt wahr.
Der Verstand denkt.
Das Ich identifiziert sich.
Dieser einfache Zusammenhang beschreibt für mich einen wesentlichen Teil menschlicher Erfahrung.
Das Ich bleibt damit ein wertvoller Begleiter. Es hilft mir, in dieser Welt zu handeln und meinen Platz einzunehmen. Gleichzeitig erinnert mich der Beobachter immer wieder daran, dass ich mehr bin als die Geschichte, die ich mir über mich selbst erzähle.