Wer spricht eigentlich den ganzen Tag in meinem Kopf?
Wer plant die Zukunft, erinnert sich an die Vergangenheit, vergleicht, analysiert und bewertet? Wer versucht ständig zu verstehen, warum etwas geschieht?
Diese Instanz nenne ich den Verstand.
Für mich ist der Verstand nichts Negatives. Ohne ihn könnte ich weder sprechen noch schreiben. Ich könnte keine Zusammenhänge erkennen, keine Probleme lösen und keine Entscheidungen treffen. Der Verstand hilft mir, mich in einer komplexen Welt zurechtzufinden. Er erkennt Muster, ordnet Informationen und gibt meinen Erfahrungen Bedeutung.
Lange Zeit hielt ich seine Gedanken jedoch für die Wirklichkeit.
Wenn ein Gedanke auftauchte, glaubte ich ihm automatisch. Er sprach schließlich mit meiner eigenen Stimme. Erst mit der Zeit wurde mir bewusst, dass ein Gedanke zunächst nichts weiter ist als ein Gedanke. Er kann hilfreich sein, richtig liegen oder völlig daneben. Sein Auftauchen macht ihn noch nicht wahr.
Heute sehe ich den Verstand deshalb eher als einen Berater. Er liefert Vorschläge, entwickelt Erklärungen und versucht, aus meinen bisherigen Erfahrungen ein stimmiges Bild der Welt zu erschaffen. Dieses Bild ist äußerst nützlich. Es hilft mir, mich zu orientieren und aus Vergangenem zu lernen.
Trotzdem bleibt es ein Modell der Wirklichkeit und nicht die Wirklichkeit selbst.
Diese Unterscheidung hat meine Beziehung zu meinem Verstand verändert. Ich möchte ihn weder bekämpfen noch zum Schweigen bringen. Er ist eines der wertvollsten Werkzeuge, die ich besitze. Gleichzeitig muss ich nicht jedem Gedanken glauben, den er hervorbringt.
Der Verstand denkt.
Der Verstand denkt nicht in einzelnen Begriffen. Er denkt in Konzepten.
Das ist seine Aufgabe.
Erst wenn ich beginne, mich dauerhaft mit bestimmten Gedanken zu identifizieren, entsteht daraus etwas Größeres. Aus einzelnen Gedanken wird eine Geschichte. Aus dieser Geschichte entsteht nach und nach das Bild, das ich von mir selbst habe.
Das Ich.