Kann ein anderer Mensch mich mit seinen Worten verletzen?
Ich würde heute sagen: Ein Satz kann etwas in mir auslösen. Er kann mich treffen, wütend machen, beschämen, verunsichern oder traurig machen. Die Reaktion ist real. Trotzdem liegt die Verletzung für mich nicht allein in den ausgesprochenen Worten.
Zunächst nehme ich etwas wahr. Ich höre einen Satz. Danach beginnt mein Verstand zu arbeiten. Er interpretiert das Gesagte, bewertet es und verbindet es mit meinen Erfahrungen, Erwartungen, Glaubenssätzen und möglicherweise mit alten Verletzungen. Aus Worten entsteht Bedeutung – und auf diese Bedeutung reagiere ich.
Zwei Menschen können denselben Satz hören und vollkommen unterschiedlich darauf reagieren. Was für den einen belanglos ist, trifft beim anderen einen empfindlichen Punkt. Das zeigt mir: Die Wirkung eines Satzes entsteht nicht allein beim Sender. Sie entsteht auch in mir.
Der andere kann Auslöser sein. Meine Reaktion entsteht in meinem eigenen Erleben.
Genau darin liegt für mich ein wesentlicher Unterschied.
Wenn mich Worte verletzen, interessiert mich deshalb nicht nur, was der andere gesagt hat. Ich kann auch beobachten, was in mir darauf reagiert. Welche Bewertung entsteht? Welche Bedeutung gebe ich seinen Worten? Welche Erwartung wurde verletzt? Welche Angst, Erinnerung oder Vorstellung über mich selbst wird berührt?
Damit verschwindet die Verantwortung des anderen nicht.
Ich bin verantwortlich für die Worte, die ich ausspreche, für meine Absicht und für die Art, wie ich einem Menschen begegne. Wenn ich bewusst demütige, provoziere oder verletzen will, ist das meine Handlung und damit meine Verantwortung. Ich kann mich nicht damit herausreden, dass der andere schließlich selbst entscheiden müsse, was er daraus macht.
Gleichzeitig kann ich nicht vollständig kontrollieren, was meine Worte im anderen auslösen.
Ich kann versuchen, meinen Pass sauber zu spielen. Ich kann klar sein, aufmerksam sein, meine Worte bewusst wählen und meine Intention überprüfen. Sobald ich gesprochen habe, trifft das Gesagte jedoch auf einen anderen Menschen mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Wahrnehmung und einer eigenen Interpretation.
Was dort daraus entsteht, liegt nicht mehr vollständig in meiner Hand.
Dasselbe gilt in die andere Richtung.
Wenn jemand etwas zu mir sagt, kann ich zunächst bemerken, was dadurch in mir geschieht. Vielleicht entsteht sofort Widerstand. Vielleicht meldet sich die Stimme in meinem Kopf und sagt: „Wie kann er so etwas sagen?“, „Das ist respektlos“, „Er versteht mich überhaupt nicht“ oder „Offenbar bin ich ihm nichts wert.“
Diese Gedanken können nachvollziehbar sein. Sie sind für mich trotzdem zunächst Gedanken und Interpretationen.
Ich kann sie beobachten, bevor ich ihnen vollständig glaube.
Gerade dort entsteht für mich Freiheit. Zwischen dem Satz des anderen und meiner Reaktion kann ein kleiner Raum entstehen. In diesem Raum kann ich unterscheiden: Was wurde tatsächlich gesagt? Was interpretiere ich hinein? Was fühle ich? Welche Grenze möchte ich setzen? Und wie möchte ich darauf antworten?
Eigenverantwortung bedeutet für mich deshalb nicht, alles hinzunehmen.
Ich kann sagen: So möchte ich nicht angesprochen werden. Ich kann ein Gespräch beenden. Ich kann Abstand nehmen. Ich kann deutlich widersprechen. Ich kann entscheiden, mit welchen Menschen ich Beziehung leben möchte und welche Form von Kommunikation ich darin akzeptiere.
Annahme bedeutet für mich nicht Unterwerfung.
Ich kann anerkennen, dass etwas gesagt wurde und dass es etwas in mir ausgelöst hat, ohne das Verhalten des anderen gutzuheißen.
Gerade ein Satz, der mich stark trifft, kann damit auch zu einem Trigger werden. Er zeigt mir möglicherweise eine Stelle in mir, die empfindlich ist. Vielleicht wurde dort bereits früher etwas verletzt. Vielleicht glaube ich etwas über mich, das durch die Worte des anderen bestätigt zu werden scheint. Vielleicht habe ich eine Erwartung an diesen Menschen, die gerade nicht erfüllt wurde.
Dann wird aus der Frage „Warum hat er mir das angetan?“ eine weitere Frage:
Warum trifft mich genau dieser Satz?
Damit verschiebe ich meinen Blick nicht weg vom anderen, sondern erweitere ihn um mich selbst.
Für mich ist das ein wesentlicher Teil von Selbsterkenntnis. Ich kann nicht bestimmen, welche Worte andere Menschen benutzen. Ich kann auch nicht verhindern, dass etwas in mir aufgewühlt wird. Aber ich kann beobachten, was geschieht, meine Interpretation überprüfen und entscheiden, wie ich damit weitergehe.
Der andere trägt Verantwortung für das, was er in die Begegnung gibt.
Ich trage Verantwortung für das, was ich daraus mache.
Und dort, wo wir miteinander sprechen, entsteht Beziehung zwischen diesen beiden Perspektiven.