Wahrheit & Ehrlichkeit


Wahrheit und Ehrlichkeit gehören für mich untrennbar zusammen.

Ehrlichkeit beginnt nicht im Gespräch mit einem anderen Menschen, sondern in der Beziehung zu mir selbst. Bevor ich einem anderen Menschen im Außen, äußerlich ehrlich begegnen kann, muss ich bereit sein, meiner eigenen inneren Wahrheit ehrlich zu begegnen.

Es geht dabei im Kern um Perspektiven, Sichtweisen und Blickwinkel – verschiedene Begriffe für dieselbe Beobachtung. Jeder Mensch erlebt seine – und unsere gemeinsame – Welt aus seiner eigenen Sicht heraus, geformt durch seine Wahrnehmung. Alles, was ich wahrnehme, wird durch meine Erfahrungen, Erinnerungen, Glaubenssätze und meine Aufmerksamkeit geprägt. Daraus entsteht meine Sicht auf die Dinge. Meine persönliche Wahrheit.

Ich setze Wahrnehmung und Wahrheit deshalb zunächst gleich. Was ich wahrnehme, ist in diesem Moment meine Wahrheit. Nicht weil sie objektiv richtig sein muss, sondern weil sie mein gegenwärtiges Erleben beschreibt. Jede Wahrnehmung ist für den Wahrnehmenden in dem Augenblick, in dem sie geschieht, vollkommen echt und wahr. Sie darf so sein. Vielleicht soll sie sogar genau so sein? Diese innere Wahrheit ist individuell, relativ und sie kann im nächsten Moment schon wieder anders sein, weil sie sich verändert hat. Doch in dem Moment, in dem sie erlebt wird, besitzt sie volle Gültigkeit. In jedem Moment wird sie gelebt, in jedem Moment behält sich Gültigkeit.

Ich glaube deshalb, dass Wahrnehmung und Wahrheit direkt gleichzusetzen sind. Was ein Mensch wahrnimmt, entspricht seiner gegenwärtigen Wahrheit. Und dabei gilt für mich ein zentraler Grundsatz: Jede – ausnahmslos jede – Wahrnehmung ist in dem Augenblick, in dem sie geschieht, für den Wahrnehmenden vollkommen echt und wahr. Sie darf so sein, und soll genauso sein.

Sage ich ja zu ihr?
Sage ich ja zu mir?
Bin ich überhaupt bereit, meine eigene Wahrnehmung ehrlich und wertfrei anzuerkennen?

Erst in einem zweiten Schritt könnte ich mich fragen, ob meine Wahrheit einer objektiv messbaren Außenwelt standhält, darum soll es hier jedoch nicht primär gehen.

Jeden Tag tauchen in mir unzählige Dinge auf: Sinneswahrnehmungen und Gedanken. Gefühle, Erinnerungen, Wünsche , Ängste… Manche sind angenehm, andere nicht. Manche passen zu dem Bild, das ich gerne von mir hätte, andere würde ich am liebsten sofort wieder verdrängen. Aber welchen Einfluss habe ich eigentlich auf das bloße Erscheinen dieser Gedanken? Wenn ich ehrlich bin: vermutlich keinen. Irgendetwas im Hintergrund würfelt vollkommen willkürlich, mein Ego spricht und meine innere Stimme meldet sich – still, im Innen, nur für mich hörbar.

Genau an diesem Punkt kommt die Verantwortung ins Spiel: Wie gehe ich mit dem um, was da unaufgefordert in mir auftaucht? Wie reagiere ich darauf und welche Handlung folgt daraus? Agiere ich automatisch und unbewusst oder entscheide ich mich bewusst – oder eben bewusst dagegen, dem Gedanken zu folgen? Ich sehe mich in der vollen Verantwortung für das, was in mir selbst geschieht und wie ich damit umgehe. Bin ich im Widerstand mit mir oder lasse ich jeglichen Gedanken zu, ohne zu zweifeln oder zu fragen, woher er wohl gerade entstanden sein mag?

Ein Gedanke ist zunächst nur ein Gedanke.
Ein Gefühl ist zunächst nur ein Gefühl.
Ein Impuls ist zunächst nur ein Impuls.

Erst später beginnt der Verstand, das Wahrgenommene zu bewerten, zu vergleichen und einzuordnen. Er entscheidet, ob etwas gut oder schlecht ist, ob es zum Selbstbild passt oder nicht. Doch bevor diese Bewertung überhaupt entstehen kann, ist da bereits etwas in mir erschienen. Genau diesem ersten Erscheinen ehrlich zu begegnen, ist für mich der eigentliche Anfang jeder inneren Wahrheit.

Ich habe gelernt, ehrlich und echt zu mir zu sein und alle Gedanken erst einmal wertfrei zuzulassen. Ich begrüße meine Facetten und Eigenarten ohne Zweifel. Denn ein Gedanke verpflichtet mich zu nichts: Eine Handlung ist nicht automatisch damit verbunden! Wenn Angst da ist, muss ich ihr nicht folgen. Wenn Wut da ist, muss ich sie nicht ausleben. Ich allein entscheide, was ich mit dem Wahrgenommenen mache und welche Handlung letztlich darauffolgt.

Möglicherweise belügen sich Menschen nur selten mit böser Absicht, stattdessen erzählen sie sich selbst Geschichten, die angenehmer sind als das, was sie im ersten Moment tatsächlich wahrnehmen. Aus Angst wird Vernunft. Aus Kontrolle wird Fürsorge. Aus Abhängigkeit wird Liebe. Aus Erwartungen wird Vertrauen. Der unbewusste Verstand versucht krampfhaft, ein stimmiges Bild von sich selbst zu erschaffen, und alles, was nicht dazu passt, wird erklärt, umgedeutet oder verdrängt. Vielleicht besteht die größte Unehrlichkeit deshalb gar nicht darin, einen anderen Menschen anzulügen. Vielleicht besteht sie darin, vor der eigenen inneren Wahrnehmung davonzulaufen.

Dieser Zusammenhang erinnert mich an ein Puzzle. Jedes einzelne Teil gehört zum Gesamtbild – unabhängig davon, ob es mir gefällt oder nicht. Entferne ich einzelne Teile, entsteht kein schöneres Bild, sondern lediglich ein unvollständiges. Genauso verhält es sich mit meinem eigenen Erleben. Meine Gedanken, Gefühle und Eigenarten gehören zu mir, weil sie in mir erscheinen. Ich nehme mich selbst an, so wie ich bin, wie ich denke, wie ich aussehe und wie ich wahrnehme. Das ist meine innere Wahrheit: Die eigene Perspektive vollkommen anzunehmen.

Aus dieser inneren Ehrlichkeit erwächst schließlich ganz natürlich die äußere Wahrheit. Äußere Wahrheit bedeutet für mich: Meine eigene innere Wahrheit laut auszusprechen. Dich an meiner Wahrnehmung teilhaben zu lassen, damit du erfährst, was in mir vorgeht.

Das führt direkt zum Thema der Fremdsicht. Das Mitteilen meiner Wahrheit ist bei mir immer mit einer liebevollen und gut gemeinten Intention verbunden. Denn ich habe verstanden: Was ich dir tue, füge ich letztlich mir selbst zu. Also trete ich dir gegenüber wahrhaftig und liebevoll auf – ohne Manipulation oder missbräuchliche Absicht. Denn jede Unwahrheit würde am Ende auf mich selbst zurückfallen.

Heute lege ich gerne alle Karten auf den Tisch. Ich habe erkannt, wie viel Kraft es kostet, Fassaden aufrechtzuerhalten, in Unwahrheiten zu leben oder Fakten zu vertuschen. Es ist es mir schlicht nicht mehr wert, falsche Tatsachen vorzuspielen. Alle Karten auf den Tisch zu legen und meine Wahrheit vor dir auszubreiten, so offen wie nur möglich, gibt uns beiden Freiheit. Es ist der einzige Weg, damit du die ehrlichste Version von mir kennenlernen kannst, die mir in diesem Moment möglich ist.

Ehrlichkeit beginnt dort, wo ich aufhöre, vor meiner eigenen Wahrheit davonzulaufen.


Schreibe einen Kommentar