Alles, was ich über mich und die Welt weiß, beginnt mit Wahrnehmung. Bevor ich etwas bewerten, verstehen oder darüber nachdenken kann, muss es überhaupt erst in meinem Bewusstsein erscheinen. Dabei gehe ich davon aus, dass Wahrnehmung keine objektive Kopie der Wirklichkeit ist. Sie ist vielmehr der Ausschnitt, auf den sich meine Aufmerksamkeit in diesem Moment richtet.
Zu jedem Zeitpunkt umgibt mich eine nahezu unendliche Menge an Informationen. Geräusche, Farben, Gerüche, Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle sind gleichzeitig vorhanden. Wahrnehmen kann ich davon jedoch immer nur einen kleinen Teil. Der Rest bleibt unbemerkt. Nicht weil er nicht existiert, sondern weil meine Aufmerksamkeit woanders liegt.
Worauf sich diese Aufmerksamkeit richtet, entscheidet sich nur zum Teil bewusst. Vieles geschieht automatisch. Frühere Erfahrungen, Erinnerungen, Erwartungen, Bedürfnisse und bereits bestehende Überzeugungen beeinflussen fortlaufend, was der Verstand überhaupt bemerkt. Dadurch können zwei Menschen dieselbe Situation erleben und dennoch von völlig unterschiedlichen Erfahrungen berichten. Nicht weil einer von beiden lügt, sondern weil beide unterschiedliche Ausschnitte derselben Wirklichkeit wahrgenommen haben.
Erst nachdem etwas wahrgenommen wurde, beginnt der Verstand damit, diesem Eindruck eine Bedeutung zu geben. Wahrnehmung und Bewertung sind deshalb nicht dasselbe. Die Wahrnehmung beantwortet lediglich die Frage, was überhaupt in meinem Bewusstsein erscheint. Erst der nächste Schritt entscheidet darüber, was ich daraus mache.
Je bewusster ich meine Aufmerksamkeit lenken kann, desto bewusster wird auch meine Wahrnehmung. Ich beginne Dinge zu bemerken, die mir zuvor entgangen sind. Gleichzeitig erkenne ich, dass vieles, was ich lange für selbstverständlich gehalten habe, lediglich der Ausschnitt war, auf den mein Blick bisher gerichtet war.
Für mich ist Wahrnehmung deshalb weniger ein passives Empfangen der Welt als vielmehr der Beginn jedes Erlebens. Alles, was ich später denke, bewerte, entscheide oder für wahr halte, baut auf dem auf, was ich zuvor überhaupt wahrgenommen habe.