In mir gibt es etwas, das kontrollieren will.
Dieser Teil meines Verstandes beobachtet nicht einfach, was geschieht. Er bewertet, vergleicht und entwickelt eine Vorstellung davon, wie etwas sein sollte. Er versucht, Abläufe vorherzusehen, Gefahren zu vermeiden und bestimmte Ergebnisse herbeizuführen. Aus vergangenen Erfahrungen bildet er Erwartungen an die Zukunft: So war es bisher, also wird es wahrscheinlich wieder so sein.
Kontrolle ist damit zunächst ein Versuch, aus dem Bekannten heraus Einfluss auf das Unbekannte zu nehmen. Diesen Mechanismus brauche ich. Ohne ihn könnte ich meinen Körper nicht sinnvoll bewegen, keinen Weg planen und keine Verantwortung für mein Handeln übernehmen. Wenn ich meine Hand drehe, ein Fahrzeug lenke oder eine Handlung vorbereite, übe ich eine Form von Kontrolle aus. Der Verstand ordnet, plant und reguliert. Problematisch wird Kontrolle für mich nicht dort, wo ich mein eigenes Handeln bewusst steuere, sondern dort, wo ich auch das Ergebnis bestimmen will.
Ich möchte dann nicht nur entscheiden, was ich tue. Ich möchte bestimmen, wie eine Situation verläuft, wie ein anderer Mensch mich versteht, wie er sich verhält oder wie sich mein Leben entwickelt. In meinem Kopf sitzt ein kleiner Richter, der nicht nur bewertet, was geschieht. Er glaubt auch zu wissen, was richtig wäre!
Dieser Richter sieht einen anderen Menschen und entwickelt eine Vorstellung davon, wie dieser denken, fühlen oder handeln sollte. Er betrachtet eine Beziehung, eine Gruppe oder die Gesellschaft und versucht, seine eigene Sicht auf andere zu übertragen. Er verwechselt seine persönliche Perspektive mit einer allgemeingültigen Wahrheit und bemerkt dabei nicht immer, dass auch sein Urteil aus Erfahrungen, Erwartungen und unbewussten Glaubenssätzen entstanden ist.
Dabei ist nicht nur entscheidend, was ich kontrollieren will, sondern auch, warum.
Was ist meine Intention? Möchte ich mich schützen? Will ich Schmerz vermeiden, Unsicherheit beseitigen oder verhindern, dass sich eine frühere Erfahrung wiederholt? Möchte ich einem Menschen helfen, oder soll er sich so verändern, dass ich mich mit ihm wohler fühle?
Geht es tatsächlich um den anderen, oder möchte ein Teil von mir recht behalten, gesehen werden oder die eigene Vorstellung von Ordnung bewahren?
Die sichtbare Handlung kann vernünftig, fürsorglich oder sogar liebevoll erscheinen. Die dahinterliegende Bewegung kann trotzdem aus Angst, Mangel oder Widerstand entstehen. Ich kann jemanden beraten wollen, weil ich etwas beitragen möchte. Ich kann ihn aber auch beraten wollen, weil ich seine Entscheidung nicht aushalte. Ich kann eine Beziehung klären wollen, um ehrlich in Kontakt zu kommen. Ich kann sie jedoch ebenso klären wollen, damit der andere endlich meiner Sicht folgt.
Die Intention entscheidet nicht allein darüber, was geschieht. Aber sie zeigt mir, welcher Teil in mir gerade handelt.
Ich kann nicht kontrollieren, welche Gedanken, Urteile und Impulse in mir erscheinen. Ich kann nicht verhindern, dass mein Verstand alte Geschichten wiederholt, mögliche Gefahren entwirft oder einen anderen Menschen bewertet. Aber ich kann bemerken, dass dies geschieht. Darin liegt für mich ein wesentlicher Unterschied.
Der Kontrolleur will eingreifen.
Der Beobachter nimmt wahr.
Der Kontrolleur sagt: So muss es sein.
Der Beobachter erkennt: So denke ich gerade darüber.
Diese Beobachtung beendet den Kontrollimpuls nicht automatisch. Aber sie schafft einen Zwischenraum. Ein Gedanke muss nicht zu einer Überzeugung werden. Eine Überzeugung muss nicht zu einer Handlung werden. Und eine Erwartung muss nicht bestimmen, wie ich einem Menschen oder einer Situation begegne.
Kontrolle wirkt allerdings nicht nur bewusst.
Ich glaube, dass meine Wirklichkeit fortlaufend durch meine Gedanken mitgestaltet wird. Damit meine ich nicht nur die Gedanken, die ich kenne und bewusst formuliere. Gerade unbewusste Glaubenssätze, Prägungen, Ängste und Verhaltensmuster beeinflussen, was ich wahrnehme, welche Entscheidungen ich treffe, welchen Menschen ich begegne und in welche Situationen ich mich immer wieder hineinbewege.
Meine Wahrnehmung ist bereits durch das gefärbt, was in mir vorhanden ist. Meine Gedanken bestimmen, worauf ich achte, was ich für möglich halte, wie ich das Verhalten anderer deute und welche Handlungsmöglichkeiten ich überhaupt erkenne. Aus diesen Wahrnehmungen entstehen Entscheidungen, und aus diesen Entscheidungen entsteht ein Teil meiner erfahrbaren Wirklichkeit.
Ein Teil von mir erzeugt Erfahrungen, deren Ursprung ich noch nicht kenne. Das bedeutet nicht, dass mein bewusster Verstand jedes einzelne Ereignis absichtlich bestellt.
Es bedeutet, dass in mir wesentlich mehr wirkt als das, was ich gerade von mir weiß.
Ein unbewusster Teil kann bestimmte Begegnungen, Entscheidungen und wiederkehrende Situationen hervorbringen. Ein anderer, bewussterer Teil erlebt anschließend das Ergebnis und geht in Widerstand. Er sagt: Das will ich nicht. So sollte es nicht sein. Das muss sich ändern.
Dann versucht ein Teil von mir, im Außen zu kontrollieren, was aus einer tieferen inneren Struktur entstanden sein könnte.
Darin liegt für mich das Paradoxe: Ein Teil von mir erzeugt eine bestimmte Wirklichkeit, während ein anderer Teil versucht, sie zu verhindern, zu korrigieren oder unter seine Kontrolle zu bringen. Der eine Teil führt mich möglicherweise in eine Erfahrung hinein. Der andere wehrt sich gegen genau diese Erfahrung, weil sie nicht seinem bewussten Selbstbild oder seiner Erwartung entspricht.
Besonders sichtbar wird dieser Vorgang in Beziehungen. Ich begegne einem Menschen, nehme etwas in ihm wahr und reagiere darauf. Vielleicht fühle ich mich nicht gesehen, nicht verstanden oder nicht sicher. Mein Verstand beginnt daraufhin, den anderen zu analysieren. Er entwickelt Erklärungen, Erwartungen und Lösungsvorschläge. Schließlich versucht er, den anderen so zu bewegen, dass die Spannung in mir nachlässt.
Doch ich kann einen anderen Menschen nicht kontrollieren. Ich kann meine Gedanken mitteilen, Fragen stellen, Grenzen setzen, gehen oder bleiben. Mein Einfluss endet dort, wo die Eigenständigkeit des anderen beginnt.
Ich kann jedoch untersuchen, warum mich sein Verhalten so stark beschäftigt. Was wird in mir berührt? Welche Erwartung wird nicht erfüllt? Welche alte Erfahrung wiederholt sich? Welcher Teil in mir möchte, dass der andere sich verändert, damit ich mich nicht mit meiner eigenen Reaktion beschäftigen muss? Was fühle ich in diesen Situationen?
Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit. Weg von der Frage, wie ich den anderen kontrollieren kann, hin zu der Frage, was in mir gerade Kontrolle verlangt.
Absolute Kontrolle kann es unter diesen Voraussetzungen nicht geben. Zu vieles in mir ist unbewusst, zu vieles im Außen entzieht sich meinem Einfluss, und auch meine Entscheidungen entstehen nicht in einem vollkommen durchschaubaren Raum. Selbst dort, wo ich glaube, bewusst zu handeln, können längst Prägungen, körperliche Reaktionen und unbemerkte Intentionen wirksam sein.
Kontrolle verspricht Sicherheit. Sie vermittelt das Gefühl, dass ein gewünschtes Ergebnis eintreten und ein befürchtetes verhindert werden kann. Aber Sicherheit bleibt immer vorläufig. Ich kann planen, vorsorgen und Wahrscheinlichkeiten beeinflussen. Ich kann jedoch nicht garantieren, dass mein Körper gesund bleibt, ein Mensch bei mir bleibt oder mein Leben morgen noch so aussieht wie heute.
Das Leben bleibt veränderlich. Natur hält nicht fest. Sie wandelt sich fortlaufend.
Vertrauen ist das Stichwort, dass ich mit dem umgehen kann, was eintritt.
Ich handle dort, wo ich handeln kann. Ich prüfe meine Intention, treffe Entscheidungen und übernehme Verantwortung für mein Verhalten. Gleichzeitig erkenne ich an, dass ich das Ergebnis nicht vollständig besitze. Vertrauen beseitigt die Unsicherheit nicht. Es verändert meine Beziehung zu ihr.
Ich kann meine Gedanken nicht kontrollieren. Ich kann sie beobachten.
Ich kann meine Intentionen nicht immer bestimmen. Ich kann versuchen, sie zu erkennen und zu prüfen.
Ich kann andere Menschen nicht kontrollieren. Ich kann entscheiden, wie ich ihnen begegne.
Ich kann das Leben nicht festhalten. Ich kann an ihm teilnehmen.