„Das macht man nicht.“
An solchen Sätzen bleibe ich inzwischen hängen. Nicht unbedingt an dem, was gesagt wird, sondern an der Frage, wer hier eigentlich spricht und über wen gesprochen wird.
Wenn jemand sagt: „Ich mache das nicht“, ist die Sache für mich klar. Ein Mensch beschreibt seine eigene Haltung. Auch mit „Ich möchte das nicht“, „Ich halte das für falsch“ oder „Damit fühle ich mich nicht wohl“ kann ich gut umgehen. Ich muss derselben Meinung nicht sein. Der andere bleibt mit seiner Aussage aber zunächst bei sich.
Anders empfinde ich einen Satz wie: „Das macht man nicht.“
Wer ist „man“?
Ich bin möglicherweise nicht gemeint. Gleichzeitig bin ich aber auch nicht ausdrücklich ausgeschlossen. „Man“ bezeichnet keine konkrete Person. Die persönliche Haltung des Sprechers kann dadurch sprachlich zu einer allgemeinen Regel werden. Aus „Ich würde das nicht tun“ wird „Das tut man nicht“. Aus der eigenen Perspektive wird scheinbar eine Aussage darüber, wie Menschen sich grundsätzlich verhalten sollten.
Genau dort entsteht bei mir Widerstand. Ich möchte nicht ungefragt in die Sichtweise eines anderen Menschen einbezogen werden. Wenn jemand etwas nicht tun möchte, darf er das sagen. Wenn jemand mein Verhalten nicht versteht oder ablehnt, darf er auch das sagen. Ich wünsche mir lediglich, dass sichtbar bleibt, wem diese Bewertung gehört und wen konkret sie betrifft.
Ähnlich aufmerksam werde ich bei Wörtern wie immer, nie, jeder, keiner und alle. „Du machst das immer.“ „Das funktioniert nie.“ „Jeder weiß das.“ „Keiner will so etwas.“ „Alle Menschen brauchen das.“
Diese Wörter haben unterschiedliche grammatische Funktionen, aber etwas gemeinsam: Sie vergrößern den Geltungsbereich einer Aussage. Aus einzelnen Erfahrungen werden Aussagen über ganze Zeiträume, Personengruppen oder Situationen. Für mich sind sie deshalb kleine sprachliche Warnlampen. Nicht, weil sie grundsätzlich falsch wären, sondern weil ich mich frage: Ist der Umfang dieser Aussage tatsächlich durch das gedeckt, was beobachtet wurde?
Verallgemeinerung ist notwendig
Psychologisch betrachtet ist Verallgemeinerung zunächst überhaupt nichts Problematisches. Im Gegenteil. Sie gehört zu den grundlegenden Fähigkeiten menschlichen Denkens.
Mein Verstand erkennt Ähnlichkeiten, bildet Kategorien, lernt aus Erfahrungen und überträgt Gelerntes auf neue Situationen. Ich muss nicht jeden Hund meines Lebens einzeln kennenlernen, um ein Konzept davon zu entwickeln, was ein Hund ist. Genau diese Fähigkeit wird in der Psychologie als Generalisierung bezeichnet. Ohne sie könnten wir kaum lernen, Muster erkennen oder uns in unserer Umwelt orientieren.
Die interessante Grenze liegt deshalb nicht zwischen Verallgemeinerung und Nicht-Verallgemeinerung, sondern zwischen hilfreicher Generalisierung und Überverallgemeinerung.
Aaron T. Beck beschrieb bereits in seinen frühen Arbeiten zur kognitiven Psychologie, wie aus einzelnen oder begrenzten Erfahrungen weitreichende Schlussfolgerungen entstehen können. Aus „Dieser Versuch ist gescheitert“ wird dann „Bei mir geht immer alles schief“. Aus „Diese Person hat mich abgelehnt“ kann „Mich will niemand“ werden.
Wörter wie immer, nie, alle, keiner oder jeder sind dabei nicht die Ursache des Denkfehlers. Sie können aber sichtbar machen, dass aus einer begrenzten Erfahrung gerade eine sehr große Aussage geworden ist.
Das Wort „man“ ist für mich noch interessanter. Sprachwissenschaftlich wird es als generalisierendes Personalpronomen beziehungsweise traditionell als Indefinitpronomen eingeordnet. Es benennt keine eindeutig bestimmte Person. Wer konkret gemeint ist, ergibt sich erst aus dem Zusammenhang.
Das kann sehr sinnvoll sein. „In Deutschland fährt man auf der rechten Straßenseite“ beschreibt eine allgemeine Verkehrsregel, ohne jeden Verkehrsteilnehmer einzeln nennen zu müssen.
Meine Aufmerksamkeit beginnt deshalb nicht beim Wort selbst, sondern dort, wo eine persönliche Bewertung durch dieses Wort den Charakter einer allgemeinen Norm bekommt.
„Das macht man nicht.“
„So redet man nicht.“
„In deinem Alter macht man so etwas nicht mehr.“
„So verhält man sich nicht.“
In solchen Sätzen frage ich mich inzwischen: Woher kommt diese Regel eigentlich?
Vielleicht lautet die vollständigere Aussage:
„Meine Eltern haben mir beigebracht, dass dieses Verhalten falsch ist.“
Vielleicht:
„In meinem sozialen Umfeld wurde dieses Verhalten abgelehnt.“
Vielleicht:
„Ich fühle mich unwohl, wenn jemand das tut.“
Vielleicht auch ganz schlicht:
„Ich möchte nicht, dass du das tust.“
Jede dieser Aussagen enthält mehr Information als „Das macht man nicht“. Es wird wieder sichtbar, von wem die Bewertung stammt und auf wen sie sich tatsächlich bezieht.
Ich mache mir die Welt, wie ich gelernt habe, sie zu sehen
Menschen wachsen nicht im luftleeren Raum auf. Wir übernehmen Vorstellungen davon, was richtig und falsch, normal und unnormal, höflich und unhöflich, erfolgreich und erfolglos ist. Eltern und andere Bezugspersonen vermitteln solche Vorstellungen, ebenso Schule, Freundeskreise, Religion, Beruf, Medien, gesellschaftliche Milieus und die Kultur, in der wir leben.
Viele dieser Regeln sind sinnvoll. Andere haben vielleicht irgendwann einmal einen Zweck erfüllt. Wieder andere werden weitergegeben, ohne dass jemand sie noch überprüft.
Ein Kind hört beispielsweise immer wieder:
„Über Geld spricht man nicht.“
Jahre später sagt der Erwachsene denselben Satz weiter. Vielleicht hat er niemals bewusst entschieden, dass Menschen nicht über Geld sprechen sollten. Die Regel ist einfach Bestandteil seines Weltbildes geworden.
Genau das meine ich, wenn ich von Unbewusstheit spreche. Nicht als Diagnose und nicht im Sinne von Dummheit oder fehlender Wahrnehmung. Ein Gedanke, eine Bewertung oder eine Regel kann in mir wirksam sein, ohne dass ich ihren Ursprung und ihre Berechtigung gerade bewusst überprüfe.
Mein Verstand übernimmt Regeln, verbindet Erfahrungen miteinander und bildet daraus ein Modell der Welt. Dieses Modell fühlt sich irgendwann nicht mehr wie ein Modell an. Es fühlt sich wie die Welt selbst an.
Aus:
„Ich habe gelernt, dass …“
wird:
„So ist es.“
Und genau dort wird Verallgemeinerung für mich besonders interessant.
Wenn persönliche Meinung zur Norm wird
Hier beginnt für mich die Frage nach Kontrolle.
Wenn jemand sagt: „Ich würde das nicht tun“, bleibt seine Meinung bei ihm.
Wenn jemand sagt: „Das macht man nicht“, geschieht sprachlich etwas anderes. Die persönliche Bewertung wird nicht mehr als persönliche Bewertung kenntlich gemacht. Sie wird zu einer Norm erhoben, die auch für andere gelten soll.
Eine persönliche Meinung wird entpersonalisiert und ihr Anspruch gleichzeitig universalisiert. Aus „meiner Meinung“ wird „unsere Regel“, obwohl möglicherweise niemand außer dem Sprecher dieser Regel zugestimmt hat.
Aus „Ich sehe das so“ wird „So macht man das“.
Für mich ist das nicht nur eine sprachliche Ungenauigkeit. Es kann eine Form von Vereinnahmung sein.
Jemand beobachtet ein Verhalten, das nicht in sein Weltbild passt. Statt zu sagen: „Das irritiert mich“ oder „Das widerspricht meinen Vorstellungen“, formuliert er: „So etwas macht man nicht.“
Damit wird mein Verhalten nicht nur beschrieben. Es wird in ein fremdes Ordnungssystem einsortiert.
Der Satz sagt indirekt:
So verhält sich ein richtiger Mensch.
So verhält man sich nicht.
Das gehört sich.
Das gehört sich nicht.
Damit entsteht sozialer Druck. Nicht mehr nur der Sprecher lehnt mein Verhalten ab, sondern scheinbar eine anonyme Allgemeinheit.
Das ist der Punkt, an dem Sprache für mich kontrollierend werden kann.
Denn Kontrolle bedeutet nicht nur, jemanden körperlich zu zwingen. Kontrolle kann auch darin bestehen, einen Deutungsrahmen vorzugeben: So musst du die Situation sehen. So solltest du handeln. So ist es richtig.
Je stärker ein Mensch seine persönliche Bewertung als allgemeine Wahrheit formuliert, desto weniger Raum bleibt sprachlich für eine andere Perspektive.
Besonders deutlich wird das in Sätzen wie:
„Das macht kein normaler Mensch.“
„Jeder vernünftige Mensch weiß das.“
„So etwas tut man einfach nicht.“
Hier wird nicht mehr nur Verhalten beurteilt. Derjenige, der anders handelt, wird gleichzeitig aus seiner(!) Gruppe der Normalen, Vernünftigen oder Richtigen herausdefiniert.
Das empfinde ich als weit stärkeren Eingriff als eine klare Ich-Botschaft.
„Ich finde das falsch“ lässt mir meine Perspektive.
„Das ist falsch“ beansprucht absolute Wahrheit.
„Das macht man nicht“ beansprucht zusätzlich gesellschaftliche Zustimmung.
Genau diese Verschiebung interessiert mich.
Kontrolle, Angst und Unsicherheit
Ich vermute, dass hinter manchen dieser Verallgemeinerungen ein Bedürfnis nach Kontrolle steckt. Etwas geschieht, das nicht meiner Vorstellung davon entspricht, wie ein anderer Mensch oder die Welt sein sollte. Dieses Verhalten erzeugt möglicherweise Unsicherheit. Vielleicht widerspricht es einem Glaubenssatz, vielleicht bedroht es eine Ordnung, auf die ich mich bisher verlassen habe.
Dann habe ich verschiedene Möglichkeiten.
Ich kann neugierig werden.
Ich kann fragen.
Ich kann meine eigene Vorstellung überprüfen.
Oder ich erkläre das abweichende Verhalten zum Fehler.
„Das macht man nicht.“
Damit verändert sich nicht mein Weltbild. Stattdessen soll sich der andere wieder meinem Weltbild anpassen.
In meinem eigenen Denkmodell liegt darunter häufig Angst. Angst vor Unsicherheit, Kontrollverlust, Ablehnung, Veränderung oder davor, dass die eigene Ordnung weniger selbstverständlich ist, als ich bisher angenommen habe.
Aber hier muss ich sauber bleiben: Ich kann diese Motivation von außen nicht sicher wissen.
Wenn ich aus jedem „man“ automatisch ableiten würde: „Dieser Mensch hat Angst und will mich kontrollieren“, würde ich selbst genau den Fehler machen, über den ich schreibe. Ich würde aus einer Beobachtung eine umfassende Aussage über einen anderen Menschen machen.
Deshalb bleibt es meine Hypothese:
Verallgemeinernde Sprache kann Ausdruck eines Bedürfnisses nach Kontrolle sein, besonders dort, wo eine persönliche Meinung als allgemeine Norm formuliert wird.
Sie muss es nicht sein.
Manchmal ist „man“ einfach Sprachgewohnheit.
Manchmal beschreibt es tatsächlich eine soziale Regel.
Manchmal denkt der Sprecher überhaupt nicht darüber nach.
Und manchmal wird damit sehr wohl versucht, Verhalten zu normieren.
Annahme bedeutet nicht Zustimmung
Die Alternative zu Kontrolle ist für mich nicht Beliebigkeit.
Annahme bedeutet nicht, dass ich jedes Verhalten gut finden muss. Ich kann eine andere Meinung haben. Ich kann Grenzen setzen. Ich kann widersprechen. Ich kann eine Beziehung beenden. Ich kann sagen: „Mit diesem Verhalten möchte ich nichts zu tun haben.“
Dafür muss ich meine persönliche Grenze aber nicht zu einem universellen Gesetz erklären.
Für mich liegt darin ein grundlegender Unterschied:
Ich kann den anderen anders sein lassen und trotzdem bei mir bleiben.
Vielleicht ist genau das die Verbindung zu meinem Gedanken von Angst und Liebe. Angst versucht häufig, Unsicherheit zu beseitigen. Liebe beziehungsweise Annahme kann Unterschiedlichkeit zunächst stehen lassen.
Nicht alles muss meiner Ordnung entsprechen.
Nicht jeder Mensch muss meine Werte teilen.
Nicht jedes Verhalten, das ich ablehne, muss deshalb grundsätzlich falsch sein.
Und nicht jede meiner Regeln muss auch die Regel des anderen sein.
Sprache macht Denken sichtbar
Psychologische Forschung zu sogenannter absolutistischer Sprache ist in diesem Zusammenhang interessant. Mohammed Al-Mosaiwi und Tom Johnstone untersuchten 2018 die Sprache in 63 englischsprachigen Internetforen mit mehr als 6.400 Beteiligten. Wörter mit absolutem Bedeutungsumfang kamen in Foren zu Angst, Depression und Suizidgedanken häufiger vor als in Kontrollforen.
Daraus lässt sich nicht schließen, dass jemand psychisch krank ist, weil er häufig „immer“ oder „nie“ sagt. Die Untersuchung zeigt statistische Unterschiede zwischen Gruppen und erlaubt keine Diagnose einzelner Menschen.
Interessant finde ich etwas anderes: Denkstile können sich in Sprache zeigen.
Sprache kann mir deshalb auch als Spiegel dienen.
Wenn ich mich selbst sagen höre:
„Das passiert mir immer“,
kann ich fragen:
Wirklich immer?
Wenn ich denke:
„Keiner versteht mich“,
kann ich prüfen:
Wirklich keiner?
Und wenn ich sage:
„So etwas macht man nicht“,
kann ich fragen:
Wer ist eigentlich „man“?
Vielleicht entdecke ich dann, dass hinter der großen Aussage etwas wesentlich Persönlicheres liegt:
„Ich möchte das nicht.“
„Ich habe damit schlechte Erfahrungen gemacht.“
„Das widerspricht meinen Vorstellungen.“
„Ich fühle mich dadurch unsicher.“
„Ich habe Angst davor.“
„Ich sehe das anders.“
Solche Aussagen empfinde ich nicht als schwächer. Im Gegenteil. Sie sind für mich klarer und verantwortlicher, weil sie sichtbar machen, wem die Wahrnehmung, die Bewertung und das Bedürfnis gehören.
Ich wünsche mir deshalb keine Sprache ohne Verallgemeinerungen. Das wäre weder möglich noch sinnvoll.
Ich wünsche mir Bewusstsein dafür.
Wenn ich man, jeder, keiner, alle, immer oder nie benutze, kann ich mich fragen:
– Wie groß ist der tatsächliche Geltungsbereich meiner Aussage?
– Welche konkrete Erfahrung liegt ihr zugrunde?
– Beschreibe ich etwas oder bewerte ich es?
– Spreche ich über mich oder bereits für andere?
– Formuliere ich meine Perspektive – oder mache ich sie gerade zur Wahrheit?
Vielleicht liegt darin der Kern meines Widerstands gegen bestimmte Verallgemeinerungen:
Ich möchte nicht, dass jemand seine persönliche Wirklichkeit über meine legt.
Und gleichzeitig möchte ich aufmerksam bleiben, dass ich nicht genau dasselbe tue.
Manchmal beginnt diese Prüfung mit einer erstaunlich einfachen Frage:
Wer ist eigentlich „man“?
Quellen und wissenschaftliche Grundlagen
Beck, A. T. (1963): Thinking and Depression: I. Idiosyncratic Content and Cognitive Distortions. Archives of General Psychiatry, 9(4), 324–333. DOI: 10.1001/archpsyc.1963.01720160014002.
Beck, A. T. (1964): Thinking and Depression: II. Theory and Therapy. Archives of General Psychiatry, 10(6), 561–571. DOI: 10.1001/archpsyc.1964.01720240015003.
Wu, C. M., Meder, B. & Schulz, E.: Unifying Principles of Generalization: Past, Present, and Future. Annual Review of Psychology, Vol. 76. DOI: 10.1146/annurev-psych-021524-110810.
Al-Mosaiwi, M. & Johnstone, T. (2018): In an Absolute State: Elevated Use of Absolutist Words Is a Marker Specific to Anxiety, Depression, and Suicidal Ideation. Clinical Psychological Science, 6(4), 529–542. DOI: 10.1177/2167702617747074.
Leibniz-Institut für Deutsche Sprache: grammis – Grammatisches Informationssystem, Einordnung von „man“ als generalisierendes Personalpronomen.