Authentizität beginnt für mich nicht im Außen. Sie beginnt in der Ehrlichkeit mir selbst gegenüber. Sie beginnt in dem Moment, in dem ich aufhöre, Teile von mir zu verstecken oder gegen sie anzukämpfen.
In mir tauchen jeden Tag Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Wünsche und Ängste auf. Manche davon gefallen mir. Andere passen überhaupt nicht zu dem Bild, das ich gerne von mir hätte. Lange Zeit glaubte ich, authentisch zu sein bedeute, nur die guten, vernünftigen oder gesellschaftlich akzeptierten Seiten von mir zu zeigen. Heute sehe ich das anders. Authentizität beginnt nicht damit, etwas Bestimmtes zu sein. Sie beginnt damit, alles wahrnehmen zu dürfen, was in mir erscheint.
Jeder Gedanke darf zunächst existieren. Nicht weil jeder Gedanke wahr oder sinnvoll ist und schon gar nicht, weil ich jedem Impuls folgen sollte. Sondern weil das bloße Auftauchen eines Gedankens noch keine Handlung ist. Ein Gedanke ist zunächst lediglich ein Gedanke. Ein Gefühl ist zunächst nur ein Gefühl. Erst später entscheide ich, wie ich damit umgehe. Zwischen dem Wahrnehmen und dem Handeln entsteht ein Raum. Genau dort beginnt für mich Freiheit. Dort entstehen Verantwortung und bewusste Entscheidung.
Früher habe ich versucht, bestimmte Gedanken möglichst schnell wieder loszuwerden. Ich hielt sie für falsch, peinlich oder nicht passend zu dem Menschen, der ich sein wollte. Heute glaube ich, dass genau dort der innere Konflikt beginnt. Sobald ich mir bestimmte Gedanken verbiete, verbiete ich mir gleichzeitig einen Teil meines eigenen Erlebens. Ich spalte etwas ab, das in diesem Moment dennoch zu mir gehört.
Das bedeutet nicht, dass ich jedem Gedanken glauben oder ihn ausleben muss. Im Gegenteil. Gerade weil ich ihn sehen darf, kann ich mich bewusst entscheiden. Ich kann zuhören, ohne allem zuzustimmen. Ich kann fühlen, ohne automatisch zu handeln. Ich kann wahrnehmen, ohne mich mit allem zu identifizieren. Diese Freiheit entsteht erst dadurch, dass ich aufhöre, gegen meine eigene Innenwelt zu kämpfen.
Mit der Zeit verändert sich dadurch auch mein Verhalten nach außen. Ich muss immer seltener Rollen spielen. Die Rolle des besonders Starken. Die Rolle des Angepassten. Die Rolle des Vernünftigen oder des Spirituellen. Ich erkenne, dass diese Rollen oft einen guten Grund hatten. Sie wollten mich schützen, Anerkennung sichern oder Ablehnung vermeiden. Deshalb lehne ich sie heute nicht mehr ab. Ich sehe sie als Teile meiner Geschichte. Doch je besser ich mich selbst kennenlerne, desto weniger brauche ich sie.
Authentizität bedeutet für mich deshalb nicht, eine neue Rolle anzunehmen. Sie bedeutet vielmehr, die alten immer seltener zu benötigen. Je liebevoller ich mir selbst begegne, desto weniger Energie muss ich darauf verwenden, eine bestimmte Version von mir darzustellen. Die Maske verliert ihre Aufgabe nicht, weil ich sie gewaltsam abnehme, sondern weil ich sie irgendwann nicht mehr brauche.
Vielleicht besteht Authentizität genau darin. Nicht darin, perfekt, konsequent oder widerspruchsfrei zu sein. Sondern darin, mir selbst so ehrlich zu begegnen, dass ich nichts Wesentliches mehr vor mir verstecken muss.
Alles darf zunächst da sein.
Und erst danach entscheide ich bewusst, welchen Gedanken ich folgen und welche Handlung ich aus ihnen entstehen lassen möchte.