Ich glaube, dass es im Leben keine Selbstverständlichkeiten gibt.
Selbstverständlichkeiten entstehen nicht in der Welt. Sie entstehen in meinem Verstand.
Alles befindet sich in einem ständigen Wandel. Menschen verändern sich. Beziehungen verändern sich. Mein Körper verändert sich. Die Natur verändert sich. Jeder Augenblick vergeht und macht Platz für einen neuen. Nichts bleibt wirklich so, wie es ist. Und dennoch entsteht in meinem Verstand irgendwann das Gefühl, bestimmte Dinge müssten einfach da sein.
Nicht weil ich sicher weiß, dass sie bleiben.
Sondern weil ich sie gestern, vorgestern und schon viele Male zuvor genauso erlebt habe.
Aus Wiederholung wird Gewohnheit. Aus Gewohnheit entsteht unbemerkt Selbstverständlichkeit.
Vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Veränderung. Nicht draußen in der Welt, sondern in meiner Haltung ihr gegenüber. Ich höre auf, das Vorhandene bewusst wahrzunehmen. Aus einem „Es ist da.“ wird langsam ein „Es gehört so.“ Und aus diesem stillen Anspruch entsteht eine Erwartung an das Leben.
Je selbstverständlicher mir etwas erscheint, desto weniger sehe ich seinen Wert. Nicht weil dieser Wert kleiner geworden wäre, sondern weil meine Aufmerksamkeit verschwunden ist. Ich nehme das Vorhandene nicht mehr als Geschenk wahr, sondern als Normalzustand. Erst wenn etwas fehlt, wird mir bewusst, dass ich längst aufgehört hatte, es wirklich zu sehen.
Für mich ist Selbstverständlichkeit deshalb keine Eigenschaft der Welt. Sie ist eine Gewohnheit meines Verstandes. Er spart Energie, erkennt Muster und macht aus dem Besonderen etwas Gewöhnliches. Das ist hilfreich, solange ich nicht vergesse, dass sich die Wirklichkeit dennoch unaufhörlich verändert.
Aus dieser Gewohnheit entsteht oft ein Mangelbewusstsein. Ich richte meinen Blick auf das, was fehlt oder anders sein sollte, weil ich das Vorhandene bereits als selbstverständlich voraussetze. Je stärker diese Erwartung wird, desto leichter verliere ich den Blick für die Fülle dessen, was bereits da ist.
Vielleicht beginnt Dankbarkeit genau an diesem Punkt.
Nicht als Übung.
Nicht als Pflicht.
Sondern als Folge einer veränderten Wahrnehmung.
Wenn ich erkenne, dass nichts selbstverständlich ist, verändert sich mein Blick auf das Leben. Dass ich heute gesund bin. Dass Wasser aus dem Hahn fließt. Dass ein Mensch Zeit mit mir verbringt. Dass ich atmen, sehen und fühlen kann. All diese Dinge waren nie selbstverständlich. Mein Verstand hat sie lediglich dazu erklärt.
Für mich ist Dankbarkeit deshalb kein positives Denken. Sie ist die natürliche Folge davon, den ständigen Wandel wieder bewusst wahrzunehmen. Aus dem ‚Gefühl‚ des Mangels entsteht Fülle, nicht weil ich mehr besitze, sondern weil ich wieder sehe, was längst da ist.
Vielleicht gibt es deshalb keine Selbstverständlichkeiten.
Vielleicht gibt es nur Dinge, an deren Anwesenheit ich mich gewöhnt habe.
Und vielleicht beginnt Fülle genau dort, wo ich aufhöre, das Leben für selbstverständlich zu halten.